Zu viel Bärbel, zu wenig Eva!

 

 

Disclaimer: Da es sich bei diesem Buch um ein Sachbuch handelt, findet die übliche strukturelle Abhandlung der bisherigen Rezensionen (Grundgedanken/Prota, Struktur, Sprache, Lesegefühl) hier keine Anwendung. Die Rezension erfolgt in einem kategorielosen Fließtext.

 

Werke, die einige Elemente auf berührend-grandiose Weise richtig machen, während andere Teile einem Absturz gleichkommen, sind meist undankbar zu lesen: Ein dauerhaftes Hin-und-Her zwischen Höhen und Tiefen, emotionaler Zerrissenheit und dem Gefühl der Belanglosigkeit, dem tiefen Schmerz und einem Hauch von Fremdscham. Bärbel Schäfers Sachbuch ist ein weiteres Beispiel dieses fragwürdigen Vergnügens und sie trägt aus unterschiedlichen Gründen die Verantwortung dafür.

Es beginnt bereits beim Titel: “Meine Nachmittage mit Eva” lautet der Name dieses Werkes und schürt die Erwartungshaltung, der Fokus dieses Sachbuches läge auf Unterhaltungen mit der wundervollen Auschwitz-Überlebenden Eva und die Akteurin (sowie Autorin) Schäfer würde die Gespräche leiten oder von ihnen erzählen. Die Wahrheit ist aber, dass nur ein kleiner Teil tatsächlich von eben jenen Nachmittagen handelt. Viel mehr Raum gibt Schäfer sich selbst und ihren eigenen Gedanken. Hierbei wankt sie zwischen philosophischen Fragen über das Leben und kitschigen Episoden aus ihrem Privatleben, die weder für das Buch noch für die Thematik desselbigen einen Wert besitzen, sondern eher in einem Tagebuch hätten Platz finden müssen.

Die eigentlichen Auseinandersetzungen mit Eva finden in Dialogform statt. Zu Beginn muss man hierbei die Einfältigkeit Schäfers überstehen, die in einigen zum Kopfschütteln verleitenden Fragen gipfelt, wie z.B. ob die Nazis den jüdischen Kindern im KZ Handschuhe gaben, weil es sicher kalt war — schnell überkommt den Leser die Sorge, ob Schäfer ein KZ für einen Kindergarten und Nazis für fürsorgliche ErzieherInnen hält. Dass die Lesestimmung nicht kippt, ist dann wiederum der Verdienst der bewundernswerten Eva und ihren Erzählungen, die dieses Sachbuch nahezu erblühen lassen.

Mit einem einem derart scharfen Verstand und einer Schwere berichtet sie von ihren Erlebnissen, dass man immer wieder innehalten muss, um das Gelesene zu verarbeiten. Dazu sind ihre Erzählungen meist so anschaulich, dass sich Bilder vor dem geistigen Auge entwickeln, die Leser erschüttern und aufrühren werden. Man hängt an ihren Lippen und will immer mehr und mehr von ihr hören, wie sie die Welt sieht, wie sie die Geschehnisse einordnet und es entsteht eine Faszination, wie sie diesen Kampf gegen den Tod überleben konnte — schlichtweg Glanzmomente dieses Werkes!

Leider versäumt es die Autorin Schäfer, genau auf dieser Ebene zu verharren und Eva und ihren Erzählungen ausreichend Raum zu geben. Es wirkt oft, als sei es für sie zu schwer zu ertragen, das Rampenlicht teilen zu müssen und so entreißt die Autorin der Auschwitz-Überlebenden Eva immer wieder (im literarischen Sinne) das Wort und entscheidet sich beispielsweise entweder wieder Szenen über sich selbst einzubringen oder die Vergangenheit Evas mit eigenen Worten aufzuarbeiten. Schäfer erzählt dann in der 3. Person über die Kindheit von Eva, anstatt sie selbst davon berichten zu lassen. Eine zweifelhafte Entscheidung, da es diesen Abschnitten an Glaubwürdigkeit mangelt: man weiß nicht, welche Sätze von Eva kommen und was fiktionale Ergänzungen der Autorin sind. Eine unnötige Verschiebung von einem hervorragend funktionierenden Interaktionssystem zu Erzählungen über die noch lebende Zeitzeugin, die auch weiterhin im Dialog davon berichten könnte, aber nicht gelassen wird.

Trotzdem, und das passt zu diesem inhaltlichen Auf und Ab, gelingen der Autorin — nebst so einigen fehlbesetzten Textstellen über ihr eigenes Leben — doch Episoden und Gedankenketten, die nicht hoch genug gelobt werden können. Die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen familiären Vergangenheit, die Konfrontation mit dem eigenen Vater und auch der spätere Marsch mit Eva sind hervorragend gelungene Beispiele, die zeigen, dass Schäfer der Aufgabe dieses Buches eigentlich völlig gewachsen ist. Hätte sie mal auf so manche überflüssige Episode ihres Privatlebens verzichtet, sich selbst mehr zurückgenommen, um dem Schrecken der Vergangenheit und Gegenwart Platz zu lassen, wäre dieses Werk rundum begeisternd gewesen und eine dringende Empfehlung an alle, die sich einmal mit den Nazis und ihren widerlichen Taten an unseren jüdischen Mitbürgern beschäftigt wollen.

So aber bleibt Meine Nachtmittage mit Eva eine zweifelhafte Mixtur, die viel Potential offenbarte, aber sich noch mehr Stolpersteine in den Weg legte, woraufhin der Ritt durch dieses Buch eine mehr als holprige Angelegenheit ist. Eva selbst beschreibt dieses Sachbuch unbewusst und ungewollt treffend, als sie in einer ihrer Geschichten von einer viel zu heißen Suppe spricht, in der einige faule Kartoffeln schwimmen. Mit diesem Buch bekommt man zwar noch ein wenig Brot und einen Kinderriegel hinzu, aber wirklich schmackhaft oder literarisch-emotional sättigend ist es nicht. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund schade, dass Eva und ihre Geschichten, sowie auch Teile der Erzählungen von Schäfer selbst eine bessere Ummantelung verdient gehabt hätten. Hätte dieses Werk doch nur mehr Wert auf Authentizität durch Eva und weniger auf Selbstprofilierung von Bärbel Schäfer selbst gelegt.

Buchdetails

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

Verlag: Gütersloher Verlagshaus; Auflage: 1. Auflage (23. Oktober 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3579086855

ISBN-13: 978-3579086859

Größe und/oder Gewicht: 14,1 x 2,5 x 22,1 cm

Klappentext: „Zwei Frauen, zwei Generationen, zwei Erfahrungswelten: Bärbel Schäfer und die 85-jährige Eva Szepesi. Eva trägt eine tätowierte Nummer auf dem Unterarm. Sie war erst elf Jahre alt, als sie allein vor den Nazis fliehen musste und schließlich nach Auschwitz gebracht wurde … Jeden Mittwoch besucht Bärbel Schäfer ihre Freundin, und die beiden sprechen über Gewalt, Schrecken und Angst, aber auch über Freundschaft, Toleranz, Geborgenheit und Respekt. Es geht in diesem Buch um eine der letzten Überlebenden eines Konzentrationslagers. Bärbel Schäfer gelingt es auf empathische Weise und literarisch brillant, ihre eigene Lebensgeschichte vor den Erzählungen Evas zu spiegeln und damit ihre erschütternden Erfahrungen ins Heute zu holen.”

LINK ZUM BUCH  *[Werbung]

Wenn dir die Rezension gefallen hat, teile sie gerne in deinen sozialen Kanälen:)!

Folge doch gerne meinen sozialen Kanälen, indem du einfach auf die Links klickst:

Meine FB-Seitehttps://www.facebook.com/AutorSvenHensel/

Mein Twitterprofilhttps://twitter.com/AutorSvenHensel

Mein Instagram-Accounthttps://www.instagram.com/autorsvenhensel/

Ich freue mich auf dich!

WARTE, bevor du gehst!

Bist du schon ein Teil der neuen LitList mit exklusiven Buchtipps und mehr?
Nein? Na, dann aber los!
Hier entlang : https://svenhensel.de/litlist/


* Was bedeutet “Werbung“? Der angegebene Link ist ein Teil des Partnerprogramms von Amazon. Das bedeutet, wenn ihr das Buch über diesen Link kauft, zahlt ihr den ganz normalen Preis, aber Amazon gibt mir wenige Prozente von seinem Gewinn ab, weil ihr über meinen Link zum Artikel kamt. Ich kann dadurch ein wenig mit den Rezensionen verdienen und ihr zahlt keinen Cent mehr! Win-Win!

Kommentar verfassen