Eine amtliche Zumutung

 

 

 

Grundgedanken & Prota

“Amt für Mutmaßungen” klingt in seinem Klapptentext vielversprechend: es soll um die Liebe zweier Menschen gehen, die sich kennenlernen, einander näher kommen, heiraten und dann im Ehealltag auf einmal zu zerfallen drohen. Große Gefühle, Dramatik, emotionale Ausbrüche an allen Ecken sind die ersten Assoziationen, die mit diesem Grundsetting aufgebaut werden. Doch Jenny Offill scheint sich Erwartungen generell nicht beugen zu wollen und so überrascht sie bereits auf den ersten Seiten durch die stark in Absätzen eingeteilte Textstruktur, die sich durch das ganze Buch zieht. Das ist ungewöhnlich, passt aber sehr gut zur ebenfalls ungewöhnlichen inhaltlichen Strukturierung, die einzig mit den Wörtern “wahllos” und “überflüssig” beschrieben werden können.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht klar zu erkennen ist, verfügt auch dieser Roman über eine Protagonistin. Diese ist zwar auf jeder Seite und in jedem Absatz vorhanden, aber dennoch charakterlich nur schwer zu greifen. Es handelt sich um eine Ehefrau, die in einzelnen Passagen Eindrücke ihres Lebens schildert. Diese wirken an vielen Stellen wie zufällig zusammengewürfelte Ergüsse, die der Figur gerade in den Kopf kamen, ohne eine inhaltliche Berechtigung zu besitzen. Auch die Gründe, warum welcher Gedanke oder welches Thema erwähnt wurden, bleibt die Autorin den Lesern schuldig. Man muss der Protagonistin folgen, ohne den Sinn in dem Erzählten sehen zu können oder erklärt zu bekommen. Alles prasselt auf den Leser ein und man muss sich dann selbst zusammenreimen, welches Detail Wichtigkeit besitzt und was lediglich den Wert einer abgearbeiteten Einkaufsliste hat.

Durch die Vielfalt an Gedanken erhält man zwar ein Potpourri an Einzelheiten einer Figur, die sich aber nur schwerlich zu einem charakterlichen Gesamtbild zusammenschließen können. Die meisten kurzen Erwähnungen der Figur sind mehr Momentaufnahmen als Reflexionen über das Leben oder sich selbst. Auch die Interaktionen mit anderen Figuren bleiben eher oberflächlich, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie ohne eine kontextuelle Einbettung einfach serviert werden. Auf diese Weise findet kaum eine Identifikation mit der unsichtbaren Figur statt.

Sprache

Dieser Roman ist sprachlich belanglos und ohne jede Klasse geschrieben. Die Sätze besitzen kein Esprit, die Absätze hinterlassen nur selten eine Wirkung und nach einigen Seiten, hat man das bereits Gelesene wieder vergessen. Sätze und ganze Themen werden durch die Flut an unwichtigen Erzählungen aus dem Alltag weggespült und ziehen ebenso ins Land wie die Tage in dem Roman selbst. Mit fortlaufender Dauer verändert sich die Färbung der Sätze ins Gräuliche, um die Laune der Protagonistin zu reflektieren, aber auch das hebt das sprachliche Niveau nicht an. Gleiches gilt für den Versuch, durch Zitate berühmter AutorInnen und Persönlichkeiten für mehr Glanz zu sorgen, da diese aber derart häufig benutzt werden und der gewollte Effekt zu einem verpuffenden Selbstzweck degradiert wird.

Struktur und Fokus

In diesem Roman herrscht ein heilloses Durcheinander. Die einzelnen Fragmente beziehen sich nicht oft aufeinander, die Auswahl der angesprochenen Gedanken erscheint willkürlich und auch die Abfolge der Themen lassen nicht wirklich eine durchdachte Struktur vermuten. Es ist ein Buch, das bewusst wie ein Notizblock eines Menschen daherkommt, der zu unterschiedlichen Zeiten seines Alltags den Weg zum Stift findet und das aufschreibt, was gerade im Kopf wabert. Es ist ein Sammelsurium an Eindrücken, Gefühlen, Beschreibungen von Interaktionen und Lebensmomenten, die nicht miteinander verbunden scheinen und auch von Kapitel zu Kapitel nur selten wieder aufgegriffen werden.

Zwischen den Eindrücken wird auch immer wieder mal ein Zitat berühmter Autoren oder Philosophen eingestreut, um den vorher beschriebenen Gedanken der Protagonistin zu schärfen oder um ein neues Thema einzuleiten. Da die Zitate genauso beliebig in dem Roman platziert sind, wie die anderen Bausatzstücke, fallen sie zwar visuell auf, gliedern sich aber immerhin thematisch in den chaotischen Rest jedes Kapitels ein.

Lesegefühl

Verwirrung. Das ist das Hauptgefühl, das einen begleitet, wenn man in diesen Komposthaufen eines verrottenden Lebens eintaucht, in dem ein Durcheinander an Emotionen, Gedanken und Situationen herrscht: Viele Schichten unterschiedlichster Themen, Eindrücke und verkümmernder Charaktermerkmale sind auf unter 200 Seiten komprimiert und alles stinkt zum Himmel.

Man bemüht sich zuerst verzweifelt um Orientierung, versucht die Hauptfigur näher kennenzulernen und ein Gespür dafür zu bekommen, worum es in diesem Roman gehen soll und wann die Elemente, die der Klappentext vollmundig versprochen hat, endlich haptisch auch serviert werden. Doch leider ist das Leseerlebnis in “Amt für Mutmaßungen” ebenso frustrierend und nervenfressend wie die Suche nach dem Passierschein A38 bei Asterix & Obelix.

Ein großes Problem dieses Romans liegt in der charakterlich nur schwach ausgeprägten Protagonistin, die sich kaum in Interaktionen begibt und auch sonst keine Färbung bekommt, sodass sie nichts weiter als eine unsichtbare und damit auch emotional-irrelevante Figur ist. Sie bleibt blass im Hintergrund und schafft es ähnlich viel Rührung zu erzeugen wie eine Wand voll willkürlicher Post-It-Zettel. Ähnlich lieblos und zusammenhanglos zusammengestellt wirkt übrigens auch jedes der Kapitel, wodurch die Geduld des Lesers hart strapaziert wird.

Ebenso problematisch ist die herrschende Handlungsarmut, da dieser Roman sich kaum bemüht, eine Geschichte zu erzählen, sondern den Beginn und das Scheitern einer Ehe mit einzelnen Sätzen darzustellen versucht. Dies scheitert allerdings nahezu gänzlich an der Vielzahl an kaum zusammenhängenden Einzelstücken, die sich zu weigern scheinen, ein großes Gesamtbild zu ergeben. Der Roman wirkt hierdurch seltsam überladen, obwohl er durch die optische Erscheinung — viele Absätze, große Schrift, etc. —eigentlich kaum Raum für zu viele Informationen bietet und dennoch wird man das Gefühl nicht los, als würde man einer Figur zuhören, die ziellos zwischen den Themen hin und her springt. Reden um des Redens Willen eben.

Mehr noch: es entsteht und festigt sich mit jeder weiteren Seite der Eindruck, als sei die äußere Form nichts als reiner Selbstzweck, um einmal etwas anderes zu wagen. Die Autorin versucht auf Krampf, die beengende Form des Fließtextes aufzubrechen und bietet dann allerdings nur ein zusammengewürfeltes Fragmentchaos, das zum einen eine Leserbindung an die Protagonistin und zum anderen ein Eintauchen in die Welt bzw. die Geschichte verhindert.

Offill hat mit diesem Roman und dessen Struktur viel gewagt, doch leider hat vor allem der Leser hierdurch nichts gewonnen.

Bewertung: 1/5 Lese-Eulen

 

Buchdetails

 

Taschenbuch: 176 Seiten

Verlag: Penguin Verlag (13. März 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3328100822

ISBN-13: 978-3328100829

Originaltitel: The department of speculation

Größe und/oder Gewicht: 11,6 x 1,7 x 18,5 cm

Klappentext:

„Einst waren sie jung und schön, trunken vor Glück und sorglosem Übermut. Ihre Liebesbriefe versahen sie mit dem Absender »Amt für Mutmaßungen«. Sie heiraten, bekommen ein Kind und ganz allmählich, kaum wahrnehmbar, beginnt sich etwas zu ändern – bis sie plötzlich am Abgrund stehen.“

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