Figuren und deren Charaktere sind das Salz in der Suppe eines jedes guten Buches und erregen in uns eine ganze Bandbreite an Emotionen, angefangen bei Mitgefühl über Freude bis hin zu Aufregung, um nur einige zu nennen. Das alles kann aber nur dann ausgelöst werden, wenn uns die Figuren etwas bedeuten und wir sie als Ankerpunkte in der Geschichte sehen können.

Eines der wichtigsten Elemente, um genau diese Beziehung zwischen den Figuren und LeserInnen erzeugen zu können, ist die Glaubwürdigkeit des Charaktere. Aus diesem Grund widmet sich der heutige Beitrag dieser Thematik und gibt Anhaltspunkte, wie man glaubwürdige Figuren erschafft.

Hierzu wird es zu Beginn einige Grundgedanken geben, die es zu beachten gilt, gefolgt von einer Ansammlung an unterschiedlichen Merkmalen einer Figur und danach wird in mehreren Schritten aufgezeigt, wie man eine solche Figur “bauen” kann.

Viel Vergnügen!

Grundgedanken

Zuerst einmal sei geklärt, was das Wort “glaubwürdig” im Zusammenhang mit Figuren und deren Charakter bedeutet und warum man als AutorIn ein Augenmerk darauf legen sollte:

Figuren sind glaubwürdig, wenn man ihre Handlungen, Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann und als LeserIn den Eindruck hat, man würde eben nicht nur erdachte Abziehbilder vor sich agieren sehen, sondern echte Menschen. Alles, was die Figur in der Geschichte macht, sagt und überlegt, muss einerseits vielschichtig genug — so wie es echte Menschen eben auch sind — und andererseits in sich stimmig sein, das heißt Handlungen müssen darauf basieren, wie die Figur bisher vorgestellt wurde.   

Die Kombination beider Dinge ist von größter Wichtigkeit für AutorInnen, denn durch diese Art der Charaktergestaltung ermöglicht man es LeserInnen, die erzählte Geschichte ernst zu nehmen, sie nahe an sich heranzulassen, sich mit den dargestellten Figuren zu identifizieren und somit das Lesen zu einem Vergnügen werden zu lassen. Hierdurch kann man eine hervorragende LeserInnenbindung erreichen, denn glaubwürdige Figuren ziehen LeserInnen mehr in das Buch hinein, während schlecht/halbherzig konstruierte Figuren eher abstoßend wirken und schlimmstenfalls dafür sorgen können, dass man das Buch augenrollend in die Ecke wirft.

Welche Aspekte gehören zu einer Figur?

Als Grundlage für die Aufgabe, eine glaubwürdige Figur zu erschaffen, muss man sich zuerst einmal darüber klar werden, was für einzelne Kernpunkte zu einer Figur gehören. Hierbei ist es am einfachsten, sich am realen Leben zu orientieren, daher soll eine kurze Auflistung möglicher Bauteile einer Figur einen ersten Überblick geben. Diese Ansammlung ist aber keinesfalls abgeschlossen, sondern kann durch eigene Ideen und Vorlieben noch beliebig erweitert werden.

Elemente einer Figur:

Name

Aussehen

Alter

Herkunft /Vorgeschichte 

Hobbys

Weltansichten

Moralvorstellungen 

Eigenheiten 

Beziehungen zu anderen Personen

Kindheit

Eltern 

Beruf

Wünsche

Träume

Ängste

Sorgen

Geschmack (Kleidung/ Essen, etc)

Diese Liste mag auf den einen oder die andere AutorIn außergewöhnlich lang erscheinen und derart detailliert, wie man es in der Gesamtheit wohl nur in den wenigsten Büchern finden wird. Dies stimmt natürlich, aber dennoch gibt es zwei triftige Gründe, dass ein solcher Detailgrad uns AutorInnen helfen kann:

Zum einen ist es Teil des Bauprozesses einer glaubwürdigen Figur, dass man sie selbst gründlich erkundschaftet und so perfekt kennt, dass man sie anderen Personen — den LeserInnen — näher bringen kann. Man stelle sich hierzu einmal vor, wie schwer es fiele, eine wildfremde Person zu beschreiben, zu der man keine persönliche Beziehung hat, im Vergleich zur Beschreibung des Charakters des besten Freundes oder der besten Freundin.

Während man bei der ersten Variante lediglich äußere Merkmale und einige grobe Richtungen geben könnte, würde bei der Zweiten ein ganzer Wasserfall an Informationen kommen. Vertrautheit mit der Figur ist also entscheidend. 

Zum anderen muss man sich immer darüber im Klaren sein, dass es in Bezug auf das Wissen über eine Figur eine AutorInnen- und eine LeserInnen-Ebene gibt: AutorInnen müssen, um eine Figur wirklich ganz verstehen und sie glaubwürdig/nachvollziehbar handeln zu lassen, mehr über sie wissen, als jeder andere Mensch auf der Welt. Eine Vielzahl an Details hilft dabei, uns in die Figur einzufühlen, sie lebendig werden zu lassen und  vorstellen zu können, wie sie in welcher Situation reagieren würde. 

LeserInnen hingegen sehen in Büchern eine reduzierte Version einer Reihe von Charaktermerkmalen, die für die jeweilige Situation, den Verlauf der Geschichte, Interaktionen mit anderen Figuren, dem Mitgefühl oder zur Identifikation nötig beziehungsweise hilfreich sind.

Diese unterschiedlichen Ebenen gibt es auch zwischen z.B. zwischen Köchen und ihren Gästen: während Köche teilweise sogar auf das Gramm genau jede Zutat kennen, sehen Gäste nur das fertige Resultat, bei dem sie noch einige Zutaten erschmecken, aber keinesfalls so viel Wissen daraus gewinnen können, wie die Köche besitzen, die das Gericht zubereitet haben.

Wie geht man vor? 

Ganz allgemein formuliert ähnelt ein guter Bauplan zur Erschaffung glaubwürdiger Figuren der Vorgehensweise bei einem Puzzle: unabhängig davon, wie viele Teile man hat, man versucht meistens zuerst den äußeren Rand zu finden, sodass man einen Bereich hat, von dem aus man weiter ins Innere vordringen kann, bis das letzte Puzzlestück gesetzt wird. Genau so kann man auch bei Figuren vorgehen: vom Groben zum Genauen. Wie das jedoch im Detail geht, sollen die kommenden vier Schritte einmal aufzeigen:

Schritt 1: Grundgerüst bauen

Bevor man sich mit den inneren Werten beschäftigen kann, ist es ratsam, der gesamten Figur ein Gerüst zu geben. Hierfür sind Elemente wie das Alter, das ungefähre Aussehen und das Geschlecht zu bestimmen. Das sind einige Grundbausteine, die dazu dienen sollen, ein erstes Gefühl für die Figur zu erlangen. 

Ob man diese Dinge völlig aus dem Nichts erschafft und sie nur im eigenen Kopf existieren oder sich der Google-Bildersuche bedient, um Menschen zu finden, die der eigenen Idee entsprechen, ist dabei völlig offen. Beides sind gute Wege und hängen nur von persönlichen Präferenzen ab.

Hat mich sich darüber Gedanken gemacht und ist mit den getroffenen Entscheidungen zufrieden, hat man bereits die Hülle der Figur erschaffen und kann mit dem zweiten Schritt beginnen.

Schritt 2: Rolle & Funktion finden

Mit dieser Hülle geht man dann als AutorIn auf die Reise durch die Gedanken über das eigene Buch und überlegt sich, welche Rolle und Funktion die zukünftige Figur innerhalb der eigenen Geschichte besitzen soll.

Im Falle der Rolle ist eine grobe Richtung bereits ausreichend wie z.B. Protagonist/Antagonist, Freund/Freundin der Hauptfigur, Familienmitglied, Bekannte(r), etc. Kurzum: Was macht die Figur in dem Buch? 

Die Funktion einer Figur zu erklären, ist etwas schwieriger, da es eine gute Kenntnis des eigentlichen Plots benötigt, sich genau überlegen zu können, welchen Sinn die Figur in der Geschichte haben soll. Sie könnte beispielsweise

– Leben retten 

– Jemanden verraten 

– Hilfreiche Hinweise geben 

– Unterhalten und für emotionale Entlastung sorgen 

– Eine Figur an etwas erinnern

– Seite an Seite mit einer anderen Figur kämpfen 

– Einer Figur etwas beibringen

– SchülerIn einer anderen Figur sein

– Ungereimtheiten hinterfragen und so auf mögliche Gefahren achten

– Regeln brechen, 

– Regeln aufstellen, etc. 

Hier gibt es dutzende, wenn nicht gar hunderte Möglichkeiten, um die Frage zu klären, welchen Nutzen sie für die Geschichte besitzt. Zumal sie nicht nur auf eine Funktion begrenzt ist, sondern mehrere Funktionen gleichzeitig besitzen oder sich im Laufe der Geschichte weitere Funktionen erarbeiten kann. 

In jedem Fall sollte aber die Frage beantwortet werden, warum die Figur existiert und wieso sie Teil der Geschichte ist. Hat man auch dies für sich selbst entschlüsselt, geht es weiter mit der Figur und ihrem Innenleben.

Schritt 3: Figur kennenlernen

Nun folgt der wohl wichtigste Schritt, wenn es darum geht, den Charakter einer Figur glaubwürdig zu machen: man muss ihn Stück für Stück erbauen und die individuellen, inneren Eigenschaften wie auch Eigenheiten definieren. 

Das ist ein äußerst vielschichtiger Prozess, da es beinahe unendlich viele Möglichkeiten gibt — angefangen bei dutzenden Adjektiven, die den Charakter beschreiben, über Macken im Alltag, Detailgrad der Vorgeschichte & Familienbeziehungen, bis hin zu persönlichen Geschmäckern der Figur selbst —  und die eigenen Vorlieben jedes Autors beziehungsweise jeder Autorin bestimmen, wann man einer Figur genug Eigenschaften gegeben hat. Während einige AutorInnen zehn Charaktermerkmale präferieren, fühlen sich andere mit einem Vielfachen davon sicher, wieder andere begnügen sich mit 3-4 Eigenschaften. 

Hier kann man nur schwer von einer Mindestanzahl sprechen, deswegen werden kurz einige Wege erläutert, wie man eine Figur kennenlernen kann und danach wird eine Liste mit Fragen aufgeführt, die bei der Entscheidung helfen wird, ob man eine Figur bereits gut genug ausgestattet und ergründet hat oder lieber noch mehr Zeit investieren sollte. 

Eine Mindmap erstellen: hierbei schreibt man den Namen der Figur in die Mitte, umkreist ihn, lässt von dort aus mehrere Linien in unterschiedliche Richtungen laufen, wo sie dann auf einige der am Anfang genannten Aspekten einer Figur treffen. Diese füllt man dann mit allerhand Informationen zur Figur auf, die einem einfallen. Hierzu ein kleines Schaubild, das eigens für diesen Blogbeitrag erstellt wurde und lediglich eine sehr grobe Richtung vorgibt:

 

Interview führen: Im Internet finden sich eine ganze Reihe an möglichen Interviewfragen, sowohl in deutscher als auch englischer Sprache, aber sie alle haben gemeinsam, dass man sich vorstellt, die Figur würde einem gegenüber sitzen und man würde wortwörtlich ein Interview führen. Man stellt also die Fragen und beantwortet sie aus der Perspektive der Figur, sodass sich nach einigen Fragen ein runder Gesamteindruck ergibt, wer die Figur ist, was sie will, wo sie herkommt und was man über sie wissen kann/sollte.

Charakter-Bogen ausfüllen:  Diese Variante ähnelt in ihrer Art den Interviews, lediglich mit dem Unterschied, dass man kein fiktives Interview im Kopf führt, sondern eine Art Themenkatalog ausfüllt. Die Kategorien sind hierbei vergleichbar mit denen der Interviewfragen, man ist nur weniger in einem Selbstgespräch, sondern führt alle Informationen auf, damit man sie später noch benutzen kann. Auch hiervon findet man dutzende Ausführungen im Internet, bei denen lediglich die persönliche Vorliebe entscheidet, für welche Version man sich entscheidet.

Impro-Schreiben: Eine weitere Möglichkeit ist, sich als AutorIn vorzustellen, man würde während dieses Schrittes vor einem nicht-existierenden Publikum sitzen und müsste etwas über die Figur in Form eines allwissenden Erzählers beschreiben. Hierbei schreibt man in einem improvisierten Fließtext herunter, was einem über die Figur einfällt, baut sich so bereits eine Hintergrundgeschichte zu ihr auf und ergänzt das immer wieder mit einigen Einschüben, sodass man ein Gefühl für die Figur bekommt. Zusätzlich hat man hierbei den Vorteil, dass man Teile des Textes in die spätere Erzählung einbauen kann.

Für welche Variante man sich entscheidet, liegt bei jedem Autor und jeder Autorin selbst. Alle diese Wege sind gleichwertig und können sogar, bei Bedarf, miteinander gemischt werden. Es böte sich beispielsweise an, zuerst einen Charakterbogen auszufüllen, das dann im Impro-Schreiben einmal auszuarbeiten und das Ergebnis hieraus in eine Mindmap einzutragen, um einen ständigen Überblick über die Figur und ihren Charakter zu haben. 

Ein wichtiger Hinweis mag an dieser Stelle noch sein, dass sich Menschen in der realen Welt durch ihre Umwelteinflüsse und die Dinge, die ihnen widerfahren, verändern. Für Figuren bedeutet das daher, dass auch sie sich gegebenenfalls in einem Wandel befinden und — je nach Verlauf der Geschichte — nicht zwingend die gleichen Eigenschaften am Ende besitzen, die man ihnen zu Beginn zugedacht hat. 

Es gibt übrigens auch AutorInnen, die den gesamten Weg (Schritt 1-3) umdrehen und zuerst mit den charakterlichen Eigenschaften beginnen, dann die Rolle für die Figur suchen und anhand von beidem eine Optik und damit eine Hülle festlegen. Wenn dieser Weg ebenfalls  funktioniert, spricht nichts dagegen, jedoch läuft man so Gefahr, in die Klischee-Falle zu tappen, da man sich fragt, wie eine Person mit bestimmten inneren Merkmalen äußerlich aussehen muss. Das steht konträr zur gängigen Auffassung, dass jeder Mensch unterschiedlichste Charaktereigenschaften besitzt, die man nicht an der Nasenspitze ansehen kann. Reale Menschen sind daher wie ein Buch, dessen ganzer Inhalt auch nicht durch das Cover erfahrbar wird. 

Schritt 4: Die Rückversicherung

Hat man die äußere Hülle der Figur bestimmt, ist mit sich selbst im Reinen, welchen Zweck sie für die Geschichte haben soll und hat eine ganze Reihe an Charaktereigenschaften & Hintergrundaspekten für sich geklärt, kann trotzdem noch ein Gefühl von Unsicherheit existieren, ob die Figur wirklich rund genug und gelungen ist. Immerhin gibt es so viele Möglichkeiten, Details über eine Figur zu finden, dass man innerlich straucheln mag, ob man die richtigen Aspekte herausgearbeitet hat.

Um dieser Unsicherheit entgegen zu treten, soll nun eine abschließende Liste mit Fragen folgen, die man zum Großteil über eine Figur beantworten können sollte, damit man wirklich einen dreidimensionalen Charakter erschaffen hat. Wichtig ist hierbei, dass man bei nahezu jeder Frage gedanklich noch ein “Warum?” hinzufügen kann und es hilfreich wäre, diese ebenfalls beantworten zu können.

Wie war die Kindheit der Figur?

Welches Verhältnis hat sie zu den anderen Familienmitgliedern?

Wie war sie als Kind?

Bereut/vermisst die Figur etwas aus der Kindheit?

Wie verliefen die Jugendjahre? 

Wovor hat die Figur Angst?

Welche Ziele und Träume hat die Figur auf privater, beruflicher und menschlicher Ebene?

Wie liefen frühere Beziehungen ab? Was hat die Figur daraus gelernt, warum sind sie zerbrochen? 

Wonach sehnt sich die Figur? 

Was mag sie und was mag sie nicht? 

Wie würden fiktive Familienangehörige/Freunde die Figur innerhalb der Geschichte beschreiben?

Wie sieht sich die Figur selbst? Wie wird sie von anderen wahrgenommen?

Zu welchen Personen fühlt sich die Figur hingezogen?

Wen & was verabscheut sie?

Was macht sie glücklich?

Was für Erfolge und Misserfolge hatte die Figur bisher?

Welche Eigenheiten besitzt die Figur?

Welche Fehler hat/macht sie?

Was sind ihre inneren Schwachpunkte?

Für welche Berufe wäre sie geeignet, für welche nicht?

Welche Geheimnisse hat die Figur? Warum hütet sie welche Geheimnisse vor wem?

Wie reagiert die Figur auf welche Emotion (z.B. Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung)?

Ist man schlussendlich in der Lage, viele dieser Fragen zu beantworten, kann man sich sicher sein, eine Figur erschaffen zu haben, die echt und glaubwürdig wirkt, da sie viele Kernpunkte dessen besitzt, was auch uns Menschen ausmacht. Figuren, die derart detailliert ausgearbeitet sind, können kaum mehr flach und einfallslos wirken, da so viele Gedanken & Herzblut in sie bei der Erschaffung geflossen sind, was sich auch auf den Schreibprozess und damit die LeserInnen übertragen wird.

Natürlich ist das eine Menge Arbeit, speziell wenn man einen ähnlichen Aufwand für viele Figuren betreibt, aber wenn man sich vor Augen führt, dass bereits eine einzige schlecht ausgeprägte und unrealistisch erscheinende Figur ausreicht, um LeserInnen die Freude am Lesen des eigenen Buches zu beeinträchtigen, sollte der Mehraufwand nicht so viel Kopfschmerzen bereiten. Immerhin wäre es schade, wenn man die viele Zeit, die man in das Plotten, Schreiben & Überarbeiten eines Buches investiert hat, durch wenig überzeugende Figuren und deren Charakter selbst ruinieren würde. Daher sollte man sich uns seinem zukünftigem Lesepublikum den Gefallen tun und die Zeit finden, Figuren glaubwürdig zu machen.

Wie entsteht für dich ein glaubwürdiger Charakter? Was sind tolle Charakterzüge, die du an Figuren magst?

Was sind Elemente eines Buches, die dich bei Figuren nerven? 

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