Wirrungen, Irrungen und die Liebe

 

 

Grundgedanken & Prota

In dem Roman der belgischen Autorin Amélie Nothomb geht es kurios zu: In einem chinesischen Ghetto der 1970er stürzen sich Kinder ins Schlachtengetümmel, Nationen bilden militärische Bündnisse, Rassismus und Vorurteile werden offengelegt und auch die Liebe finden ihren Platz in diesem erzählerisch außergewöhnlichen Wirrwarr. Eine Mischung, die derart niedergeschrieben wie ein Eintopf mit wahllos zusammengesuchten Haushaltsgegenständen anmutet, aber im Detail und Zusammenspiel der einzelnen Elemente seinen ungewöhnlich-grandiosen Geschmack entfaltet. Es ist ein Sammelsurium, in dem man sich erst einmal auf inhaltlicher wie auch sprachlicher Ebene orientieren muss, als würde man sich als Unbeteiligter plötzlich ebenfalls auf einem Schlachtfeld wiederfinden und mit dem hektischen Gefühl der Panik versuchen wollen, einen klaren Kopf zu bewahren. 

In diesen chaotisch anmutenden Entwicklungen und Handlungsgeflechten wird man als Leser von einer jungen Ich-Erzählerin angeleitet, die nicht nur stumme Beobachterin, sondern begeisterte Teilnehmerin dieses Krieges ist und ihre Rolle sowohl auf dem Schlachtfeld als auch im sozialen Liebesgefüge sucht. Sie reiste als Tochter einer reichen Familie von Japan —wo sie verwöhnt wurde und mit einem süffisanten Stolz von Sklavinnen berichtet, die alles für sie taten — nach China und erlebt dort einen Kulturschock, der die präzisen und manches Mal spitzfindigen Kommentare über die Umstände und anderen Nationen erst ermöglicht. Auch Nothomb selbst hat diese Reise im realen Leben durchgemacht und daher sind Teile des Romans möglicherweise autobiografisch angehaucht, was jedoch keinen merklichen Einfluss auf die Erzählung nimmt.

Während der Phase der Integration in die neue Umgebung reflektiert eine deutlich ältere, weisere Ich-Erzählerin über ihre Zeit als 7-jähriges Mädchen in eben jenem chinesischem Ghetto. Dieser Kontrast der unterschiedlichen Entwicklungsstadien macht sich auch in der Figur und ihrer Erzählung bemerkbar, da die Berichte des Krieges ebenso analytischen Charakter besitzen wie die Auseinandersetzungen mit der unschuldigen Liebe zu einem jungen Mädchen, das sich im Verlaufe der Handlung zur Gemeinschaft der Ghetto-Bewohner gesellt. Es wirkt an manchen Stellen beinahe paradox, wie dieses kleine Kind wunderbar pointiert und gleichzeitig mit bajonettscharfem Verstand einzelne Augenblicke ihres Lebens herauspickt und einer nachträglichen Bewertung und Einordnung unterzieht. 

Das alleine sorgt bereits für große Sympathien für die Protagonistin, da man eben nicht die altersbedingten, kindlichen und manchmal naiven Gedanken eines so jungen Mädchens liest, sondern von der älteren Version ihrer Selbst durch die Geschichte geführt wird. Man wird die Meinung dieser Figur wohl nicht immer teilen können, gerade in Momenten, in denen Urteile über andere Nationen gebildet werden, aber selbst diese Äußerungen wirken eher wie die auf dem zweiten Weltkrieg basierenden und heute fremd erscheinenden Ressentiments der 70er Jahre. Der Zeitgeist formuliert die Sichtweise auf andere Nationen und manifestiert sich in der Ich-Erzählerin, die diese Elemente ebenso vorträgt, wie Teile der Kriegshandlungen und die Interaktionen mit anderen Insassen dieses Ghettos.

Struktur & Fokus

Was zu Beginn dieser Rezension noch als „Wirrwarr“ charakterisiert wurde, verdient diesen Eindruck nur auf den ersten Blick, denn es existiert eine innere Ordnung innerhalb dieses Romans, die sich erst in der zweiten Hälfte der Handlung zeigt: Stehen am Anfang eine Einführung  in die Gesamtsituation und Beschreibungen der an dem Kinderkrieg beteiligten Nationen im Vordergrund, gibt es immer wieder Einschübe, die aus dem limitierten Setting des Ghettos herauszoomen, um das große, globale Bild zu zeigen. Diese beiden Seiten stehen im stetigen Wechsel, bis die Ich-Erzählerin auf eine Person trifft, die sie in ihren Bann zieht. Von da an tritt die globale Ebene in den Hintergrund und es erfolgt ein etappenartiges Vorantasten zwischen ihrem Liebes- und ihrem Kriegsleben.

Gegen Ende hin reibt sich das Kriegsgeschehen merklich auf und das turbulente Sehnen nach der Angebeteten steht mehr und mehr im Zentrum. Es bietet sich daher an, dem Roman eine Entwicklung vom äußeren zum inneren Schlachtengetümmel zuzuweisen, die durchaus zu überzeugen weiß.

Sprache

Die Sprache dieser Erzählung variiert von Station zu Station innerhalb der Handlung. Während es zu Beginn nahezu regelmäßig ganze Seiten gibt, in denen Absätze nur wenige Zeilen besitzen und manchmal sogar ein Satz einen Absatz bildet, verändert sich dieses Gefüge gegen Ende hin. Speziell in den Situationen, in denen die Angebetete der Ich-Erzählerin in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt, verstärken sich die eigenen, monologisch vorgetragenen Gedanken und auch die Anzahl an Dialogen steigt stark an. Eine Verlängerung in der Satzlänge ist dann ebenso zu beobachten.

Die Wortwahl ist abwechslungsreich gestaltet: mal werden Szenen mit einem deutlichen Ekelfaktor beschrieben, andere Male eher blumig. Dazu gesellen sich typische Sprachmuster von Kriegsreportern oder Elemente von Soldatentagebüchern, die dann — speziell im zweiten und dritten Drittel des Buches — im Kontrast zu den Gedanken und Erlebnissen mit der Angebeteten stehen. 

Insgesamt wirkt der Sprachstil eher simpel, aber durch seine metaphorische Tiefe auch vielschichtig, als würde er Lesern zwei Tore zeigen und man selbst entscheiden kann, durch welches der Tore man lesend schreiten möchte. Die Art und Weise der Verwendung der Sprache hat hierdurch sogar teilweise einen parabolischen Kern, der aufgrund des Klappentextes nicht zu vermuten war, aber sich gut in die Handlung gliedert. Man kann die Geschichte, insbesondere die Seite des Krieges, durchaus als militärische Berichterstattung lesen, gleichermaßen aber auch als das, was es vermutlich in Wirklichkeit in Nothombs Erinnerung war: wie Kinder spielend und harmlos einen Krieg simulieren.

Lesegefühl

Zu Beginn herrschte erst einmal ein Hauch Verwirrung. Wie bei jedem Buch, war auch dieses Mal der Klappentext eine grobe Richtungshilfe, die zumindest vorgab, in welche Art von Geschichte man eintauchen würde und doch reichte die Vorstellungskraft nicht aus, um das Dargebotene überhaupt zu erahnen. Das ist wunderbar und großartig bizarr zugleich.

In diesem Roman wird beispielsweise nicht etwa emotionslos ein kleines Scharmützel auf dem Kinderspielplatz geschildert, sondern durch die Kombination von militärischer Terminologie und Kriegsrhetorik mit der kindlichen Unschuld der eigentlich stattfindenden Handlung, entsteht eine Art moralischer Gewissenskonflikt, der durch die Elemente der Schlacht aufregend wirkt, während es sich gleichzeitig falsch anfühlt, da die Akteure Kinder sind. Erste Verbindungen zu “Herr der Fliegen“ (William Golding) zeichnen sich bereits da ab, die in einigen der kriegerischen Auseinandersetzungen immer wieder auftauchen.

Es dauert einige Seiten, bis man eine Orientierung gefunden hat, da sowohl das Setting als auch die klug reflektierende und in der beschriebenen Handlung selbst doch sehr junge Ich-Erzählerin eine Herausforderung sind. Als Leser muss man sich im Grunde von vielen Erwartungen befreien und den eigentlichen Text auf sich wirken lassen. 

Das gelingt allerdings recht leicht, da die Sprache, so martialisch und gleichzeitig distanziert sie an einigen Stellen wirkt, ebenso faszinierend wie das dargestellte Zeitgefühl dieses Ghettos mit den unterschiedlichsten Nationen ist. Gleichermaßen verdient auch die Mixtur der Beschreibungen der unterschiedlichen Teilnehmer dieses fiktiven Krieges ein großes Lob.

Nach einer Weile erscheinen die von Kindern ausgeführten kriegerischen Handlungen aber immer absurder. Dieser Eindruck baut sich mehr und mehr auf, bis man zu zweifeln beginnt, ob die berichteten Handlungen in Wirklichkeit so geschehen sein konnten oder ob es sich nicht eher um eine militarisierte Version simpler Kinderspiele handelt. Sobald dieser Punkt erreicht ist, steigert sich die Lesefreude um ein Vielfaches, da man sich dann die brillante Synergie zwischen der doppelebenen Sprache und der Handlung erschlossen hat. Die Folge: man stellt sich unweigerlich vor, wie die realistische Form der Buchbeschreibungen wohl aussehen könnten und man begibt sich in einen Wettkampf mit der Erzählerin, den wahren Kern der Äußerungen zu erfassen.

Dieses Ringen nach der Realität wird gegen Ende hin abgelöst, wenn die Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin, ihren Gefühlen und der Angebeteten in den Fokus gerückt werden. Von da an durchlebt man die emotionalen Ausbrüche der Protagonistin mit ihr zusammen und ist dadurch in der Lage, eine andere Seite von ihr kennenzulernen, die bis dato verborgen blieb. Gerade diese neuen Erfahrungen sorgen dafür, dass bei ihr ein Grad an Echtheit erreicht wird, dem man sich als Leser kaum entziehen kann. Waren es zuvor die brutale Sprache und die außergewöhnliche Situation, die eine starke Faszination ausübten, wird es später das Privatleben der Erzählerin sein, der man trotz charakterlicher Schwachstellen und diskutabler Ansichten nur eines wünscht: dass sie unbeschadet aus diesem Krieg und mit erwiderter Liebe aus diesem Ghetto verschwindet.

Bewertung: 5/5 Lese-Eulen

Buchdetails

Taschenbuch: 146 Seiten

Verlag: Diogenes, Zürich (1996)

Sprache: Deutsch

Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 18,2 cm

Link zur aktuellen Version des Buches: Liebessabotage

 

Klappentext:

„Man nehme eine Horde Kinder jeglicher Nationalität und sperre sie ohne Aufsicht ein, zum Beispiel im Diplomatenghetto San Li Tun in Peking. Wer meint, die Gören würden nun mit ausgestreckter Freundeshand aufeinander zugehen, ist ein bißchen naiv. Schon bald haben die Diplomateneltern keine Zeit mehr, sich um den internationalen Frieden zu bemühen, denn ein Weltkrieg wütet unter ihren Kindern.“

Vergleichbare Titel:

Herr der Fliegen

Mit Staunen und Zittern
 

 

 

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