Effektvoll im Affektrausch

 

 

Grundgedanken

Die Affekte kommt mit einer interessanten Prämisse daher: der Roman erzählt die Geschichte des Riefenstahl-Kameramanns und Bergsteigers Hans Ertl und seiner Familie, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Bolivien gingen, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Einst waren sie eine durchaus angesehene Familie, die in anständigen Verhältnissen leben konnte, aber anstatt Prunk und Ruhm erwartet sie zumeist das harte Leben von Immigranten in einem anderen Land auf einem fernen Kontinent. Sie sind Fremde in einer dörflichen Gemeinschaft, befinden sich dabei nicht nur im Konflikt mit sich selbst und den neuen Begebenheiten, sondern auch mit dem verzweifelten Versuch, die erlernte Identität abzulegen, um eine neue zu erlangen und das in einer Umgebung, die ihnen nicht nur sprachlich unbekannt ist. Dieses Werk ist die Repräsentation kulturellen Kontakts und der Frage wie unterschiedliche Herkünfte aufeinandertreffen und zu welchen weiteren Lebenswegen sie führen. Wer integriert sich, wer verweigert sich den neuen Einflüssen, die unweigerlich von außerhalb an die inneren Häuserwände drücken und um Aufmerksamkeit verlangen?

Dieser Roman gibt auf viele diese Fragen noch vielfältigere Antworten, klammert aber bewusst die Zeit Hans Ertls aus, in der er der Kameramann von Leni Riefenstahl und damit ebenfalls ein Rädchen im großen Apparat der NS-Propaganda war. Der Fokus ist schlicht ein anderer: es gibt kaum Rückblicke auf ein vergangenes Leben, es erscheint, als würde der Autor Rodrigo Hasbún jene Vorgeschichte ignorieren, um sich vermehrt dem Leben und dem Scheitern einer Familie als Migranten wahrzunehmen. Es geht nicht um das was war, sondern darum zu ergründen, welche Bausteine zur Entwicklung der Familie führten, die u.a. darin gipfelte, dass Hans Ertls Tochter heute den Beinamen “Che Guevaras Racheengel” trägt.

Struktur und Fokus

Der Roman bedient sich einer außergewöhnlichen Aneinanderreihung an Kapiteln aus unterschiedlichen Perspektiven mit ebenso variierenden Schreibstilen. Auffällig hierbei ist, dass die einzelnen Abschnitte verschiedene Zeitpunkte und Orte der Handlung abdecken und man so beispielsweise mit der Tochter Heidi auf eine Reise geht, während Trixie, ebenfalls eine Tochter von Hans Ertl, von ihrer Zeit daheim erzählt. Hinzu gesellen sich Außenstehende, die wiederum ihre Eindrücke über die restlichen Figuren und ihren Lebensumständen abgeben, sodass sich mit der Zeit ein strukturell-anspruchsvolles und vielschichtiges Mosaik aller involvierten Figuren, ihren Rollen und ihren Leben ergibt.

Sprache

Mit den bereits angesprochenen Perspektivwechseln geht auch eine Variabilität in den Schreib-  und Sprachstilen einher. Zeichnen sich die Tagebuch-ähnlichen Einträge von Heidi vor allem dadurch aus, dass Dialoge in oftmals indirekter Rede geführt werden und die Sätze hypotaktisch kühl sind, sind die Erzählungen von Trixie emotionaler und erinnern an eine aufgeregte, aktive Unterhaltung. Auch die Länge der Absätze variiert bei beiden Varianten stark: während Heidi sich eher mäßig um eine Paragraphisierung ihrer Kapitel bemüht, sind es bei Trixie derer beinahe zu viele, sodass es oftmals nur 1-Satz-Abschnitte gibt. In den Kapiteln, die von der ungewöhnlichen Du-Perspektive Gebrauch machen, wird es noch abstruser: hier verschwimmt die Grenze zwischen der angesprochenen Figur Monika und den LeserInnen, da die Sätze oftmals Appell-Charakter besitzen.

Insgesamt eine durchaus sprachlich-herausfordernde Komposition an ständigen Wechseln, auf die es sich einzulassen gilt. Jede Figur bringt ein eigenes Repertoire an Schreibregeln mit sich und diese sind zumeist nicht logisch erklärbar durch die Beschaffenheit der Figur. Es handelt sich schlicht um eine bewusste Variabilität, die den Text auch sprachlich vor Langeweile bewahren.

Lesegefühl

Die Affekte ist weit davon entfernt, eine seichte und entspannte Unterhaltungsliteratur darzustellen. Im Gegenteil: die Zeitsprünge in Verbindungen mit den Foki-Wechseln und den damit folgenden Veränderungen in Erzähl- und Sprachstilen fordern ein gehöriges Maß an Konzentration bei der Lektüre. Dies ist vor allem nötig, um nicht den Überblick über die charakterlichen Verflechtungen und den Mikro-Kommentaren über die anderen Figuren zu verpassen. Zumeist lernt man in kurzen Nebensätzen etwas über einen Großteil der Figuren, die im jeweiligen Kapitel nicht als ErzählerIn fungieren und muss eigene Verbindungen erschaffen, in wie weit sich das Verhältnis innerhalb der Familie verändert hat.

Hasbún gelingt es trotz des hohen handwerklichen Schwierigkeitsgrades den Spagat zwischen der Weiterentwicklung der Handlung, der Charaktere und auch den Wiedererkennungswert der Figuren anhand der Sprache darzustellen. Dies kann nicht hoch genug bewertet werden, da manch andere AutorInnen oftmals schon bei einer der Komponente in Schwierigkeiten geraten und Die Affekte eine Synergie vieler Einzelteile darstellt, deren Vermischung ein hohes Risiko des Scheiterns beinhaltete. Noch dazu bedient sich der Autor eines historischen Stoffes und schafft es auf beinahe brillante Weise, die Hoffnung einer Familie in einem neuen Land einzufangen, deren tiefen Sturz zu skizzieren und sogar die neuen Identitäten, die sich jedes der Familienmitglieder aufzubauen versucht, einzufangen.

Lediglich die Verwendung derart vieler erzählerischer Kniffe bei den Kapitelwechseln hinterlassen einen faden Beigeschmack in einem sonst beeindruckenden Werk: Hasbún versäumt es, einen Grund dafür zu geben, warum in Teilen des Werkes mit einem Du-Erzähler gearbeitet wird oder warum Kapitel existieren, in denen wechselnde Themen  mit einem doppelten Schrägstrich und einem “Ja, (…)” beginnen. Insbesondere diese beiden Varianten der erzählerischen Vielfalt geraten zum Selbstzweck und wirken in einigen Fällen wie Fremdkörper im Vergleich zu den Abschnitten, in denen bewährtere Erzählweisen wie personale oder Ich- ErzählerInnen genutzt werden. Dennoch ein überaus lesenswertes Werk, dem jedoch mit dem Wissen zu begegnen ist, dass es vom Leser mehr fordert als viele andere Bücher.

Bewertung: 4/5

Buchdetails

Gebundene Ausgabe: 142 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (7. August 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3518427644

ISBN-13: 978-3518427644

Originaltitel: Los Afectos

Größe und/oder Gewicht: 13 x 1,6 x 22 cm

Klappentext:

„Im Nachkriegsmünchen ist er verfemt, und so geht er mit seiner Frau und den drei Töchtern nach Bolivien, der exzentrische Hans Ertl, einst Riefenstahls erster Kameramann und Rommels ›Leibphotograph‹. Doch auch das neue Leben ist reich an Spannungen, und für seine nächste Expedition, die Suche nach der verlorenen Inkastadt Paititi, muss die ganze Familie einen hohen Preis zahlen. Insbesondere Monika, die älteste Tochter und ihrem Vater frappierend ähnlich, scheint jeden Halt zu verlieren. Was als persönliche Sinnkrise beginnt, wird zu ihrer politischen Radikalisierung führen und sie zu immer extremeren Maßnahmen treiben.

Rodrigo Hasbún hat eine spektakuläre historische Episode zu einem hochexplosiven Kammerspiel verdichtet. Er erzählt von den Hoffnungen und Ernüchterungen einer deutschen Familie im südamerikanischen Exil und von den unentrinnbaren Fliehkräften der Geschichte.“

Link zum Buch

 

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