Lügen im Sturm

 

Grundgedanken & Prota

Nimmt man dieses Buch in die Hand, ist es vor allem das Cover, das einen unbedingten Wunsch hervorruft, die Faszination dieses Sturmes lesend zu erleben. Das spärliche Zitat des Autors Christian Buder auf der Rückseite ist zwar dem nicht förderlich, aber immerhin bietet ein Text auf der Innenseite des Umschlags Hinweise darauf, was zu erwartet ist. Dies hätte man vermutlich tauschen sollen, um die Wucht des Covers noch durch die mysteriöse Geschichte steigern zu können. Dabei hätte man dieses Versteckspiel gar nicht nötig gehabt, denn die Prämisse dieses Romans ist durchaus interessant: ein Mann kehrt zu einer kleinen Insel zurück, die er seit zwanzig Jahren nicht mehr besuchte, weil sie ihm seine Glückseligkeit entriss. Doch der überraschende Selbstmord seines Vaters und die anstehende Beerdigung zwingt ihn dazu, sich seiner Vergangenheit zu stellen, die traumatische Fragen, merkwürdige Ereignisse aber vor allem auch Zweifel an den Ermittlungen des Todes seines Vaters und zuvor seiner Mutter aufwerfen.

Eine spannende Grundidee ist es, die mit eben jenem zurückkehrenden Sohn Yann Schneider als Protagonisten angereichert wird, der erstaunlich gut gelungen ist. Viel steht und fällt in solchen Romanen mit der Hauptfigur, zu der man eine sofortige Bindung erlangen muss oder man würde das Interesse an seinen Untersuchungen und seinem persönlichen Leid verlieren. Buder gelingt es aber, Yann auf eine zwar oftmals wehleidige, aber nie passive oder gar nervenkostende Weise darzustellen. Der Protagonist dieses Buches ist mit Sicherheit kein typischer Held, sondern wandelt stets an der Grenze zur posttraumatischen Belastungsstörung, fängt sich aber regelmäßig, um die Geschicke weiter voranzutreiben. Dies gelingt ihm zunehmend dadurch, dass er genug Intelligenz besitzt, um Fragen selbst zu beantworten und lose Enden der Geschehen miteinander zu verbinden, aber oftmals entstehen neue Wege auch durch die stets unterhaltsame, weil zielgerichtete,  Unterhaltung mit anderen Bewohnern dieser kleinen Insel, auf der gerade einmal 200 Menschen leben.

Struktur & Fokus

Strukturell gesehen erlaubt sich dieses Werk kaum Experimente. Es ist eine stringente Handlung, die ohne Perspektivwechsel oder große Zeitsprünge auskommt. Im Grunde erscheint der Protagonist auf der kleinen Insel und von da an entfaltet sich ein Labyrinth aus unterschiedlichen Sichtweisen, Lügen und neuen Informationen über den Tod seiner Eltern. Alle diese Dinge werden Lesern aber stets durch die Figur des Yann Schneider gezeigt, sodass man immer nur erfährt, was Yann zu hören oder gesagt bekommt. Das ist strukturell nicht sonderlich herausfordernd, aber bei der Komplexität der Handlung wohl hilfreich, um nicht völlig den Faden zu verlieren.

Sprache

Die Sprache dieses Romans ist vor allem durch Abwechslung geprägt, sowohl auf qualitativer Ebene als auch des inneren Aufbaus. Es wird nicht ausbleiben, dass man nach einigen Passagen nahezu applaudieren möchte, weil die dargestellten rhetorischen Bemühungen glänzend gelingen und eine solche Bildgewalt erschaffen wird, dass man damit zu kämpfen hat, nicht völlig weggeweht zu werden. Andere Male verzweifelt Buder aber auch an der eigenen Schreibweise, indem er sich erst um Metaphern und Vergleiche bemüht, dann realisiert, dass sie schief sind, nur um daraufhin eine kleine Erklärung hinterher zu schieben. Es ist das Eingeständnis eines Autors, der zwischen Schaffen und Scheitern am eigenen sprachlichen Anspruch steht, aber nicht in der Lage ist, die Turm-von-Pisa-ähnlichen rhetorischen Mittel zu begradigen oder sich von ihnen zu trennen. Das ist schade, denn auch wenn große Teile des Romans sprachlich durchaus über dem Durchschnitt angesiedelt sind, mit so einigen Glanzpunkt, sind es gerade die Augenblicke, in denen Sätze unrund sind, die im Gedächtnis bleiben. Manchmal muss man als AutorIn den Mut besitzen, die Löschtaste zu benutzen, anstatt zu selbstverliebt in die eigenen Worte zu sein. Ein Ärgernis in einem sonst sprachlich durchaus überzeugenden Werk.

Lesegefühl

Nicht nur der Protagonist Yann begibt sich in dieser Geschichte auf eine Reise, sondern auch das Lesegefühl macht unterschiedliche Etappen durch: zu Beginn wird man fasziniert den hervorragenden Ausarbeitungen folgen, die den gewaltigen Sturm so plastisch wirken lassen, als würde die Gischt der Wellen an die eigenen Fensterscheiben klatschen. Eine hervorragende Atmosphäre, die einen in die Geschichte zieht, als sei man im Gezeitenstrudel gefangen. Dann allerdings folgen immer wieder Episoden, in denen der Protagonist über den Verlust der eigenen Mutter trauert und sich Gedankenexperimenten hergibt, die in den ersten zwei oder drei Malen noch angemessen wirken, aber kurz darauf die Geduld strapazieren. Manchmal hat man gar das Gefühl, der Autor sei sich nicht mehr sicher gewesen, ob er im Vorfeld schon seine Hauptfigur trauern ließ und so macht er es einfach noch einmal. Viel hilft viel könnte man meinen, doch hierdurch verliert man ein Stück der Haftung zum Geschehen.

Überwindet man aber diesen Teil und kann sich auch mit einigen krummen rhetorischen Versuchen anfreunden, die neben glänzend gebauten Sätzen stehen wie abgebrochene Bäume in einem sonst dichten Wald, entfaltet sich langsam ein inhaltliches Gerüst, das von teilweise extremen, aber dennoch glaubhaften Figuren getrieben ist. Das Gedächtnis der Insel ist ein Roman ohne viele Ecken und Kanten, zeichnet sich aber durch eine spannende, manchmal etwas zu vorhersehbare Geschichte aus, die vor allem dann glänzt, wenn die Atmosphäre des Sturms eine Rolle spielt oder Dialoge mit anderen Figuren anstehen. Yann Schneider selbst ist zwar letztendlich eine gute Wahl als Protagonist gewesen, aber er ist nicht so farbenreich gestaltet wie die anderen Charaktere. Dies tut dem gesamten Lesevergnügen jedoch nur geringfügig Abbruch, da man in dem temporeichen Fortschreiten der Handlung kaum Zeit findet, über die Motive der einzelnen Personen nachzudenken. Eines wird man aber zweifellos bemerken: die Faszination des gewaltigen Sturms, der im Roman viele Touristen anlockt und man als Leser am liebsten ebenso wie die fiktiven Gäste der Insel im sicheren Stübchen mehr und mehr von ihm und seiner zerstörerischen Kraft erleben will.

Buchdetails

Gebundene Ausgabe: 272 Seiten

Verlag: Karl Blessing Verlag (6. März 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3896675915

ISBN-13: 978-3896675910

Größe und/oder Gewicht: 12,8 x 2,7 x 20,5 cm

Inhalt: „Als der Pariser Archäologe Yann Schneider für zwei Tage zur Beerdigung seines Vaters auf seine bretonische Heimatinsel zurückkehrt, spürt er die Schatten seiner familiären Vergangenheit: Als Kind traumatisiert durch den Unfalltod seiner Mutter Abigale, muss er dreißig Jahre später erkennen, dass hinter dem Tod seiner Mutter andere Kräfte wirkten, als er immer annahm. Während ein fürchterlicher Sturm aufzieht, kommt Yann seiner eigenen Geschichte, seiner Wahrheit, seinem Schicksal auf die Spur und konfrontiert die Inselbewohner mit ihrer Vergangenheit und ihrer Schuld.

Ein packender, intensiver Roman um einen gewaltigen Sturm und ein jahrzehntealtes Liebesdrama mit tödlichen Konsequenzen“

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