Vor einigen Tagen erschien bei der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit der Überschrift “Nie gelesen!”, in dem „zehn Schriftsteller und Verleger bekennen, welche Werke sie bisher verschmäht haben“ (Quelle). Eigentlich sollte es niemanden überraschen, dass auch AutorInnen und Verleger nicht jedes Buch der Welt gelesen oder gemocht haben können und dennoch ist eines auffällig: die Wahl des Verbs. Die ausgewählten Personen erzählen nicht etwa oder berichten, welche Bücher sie noch nicht gelesen haben oder nicht beenden wollten, nein, sie bekennen. Hierdurch entsteht bereits von Beginn an der Eindruck, sie hätten etwas Unrechtes getan und würden sich nun offenbaren. Dies lässt ferner die Vermutung zu, die Interviewer hätten sich als Konzeptidee überlegt, Kontroversen erschaffen zu wollen, indem sie Menschen aus der Welt der Literatur negativ über Bücher sprechen oder zugeben lassen, bestimmte große Werke nicht gelesen zu haben. Doch warum wäre das eine Kontroverse, bisher z.B. Tolstois “Krieg und Frieden” nicht gelesen zu haben? Wer sagt, dass man manche Bücher zu lesen hat und, sollte man das nicht getan haben, sich beinahe schämen muss? Und warum ist das problematisch für das literarische Miteinander?

Diesen und weiten Fragen soll der folgende Blogbeitrag einmal auf den Grund gehen. Hierfür wird zuerst auf Lesezwänge und damit verbundene Phrasen eingegangen, gefolgt von einer Erklärung, warum sie problematisch sind und schlussendlich noch ein Abschnitt, welches Verhalten eher empfehlenswert wäre.

Viel Vergnügen!

 

Lesezwänge

 

Nötige vs unnötige Lesezwänge

Bevor es darum gehen kann, welche Art von Lesezwang unnötig ist und man daher vermeiden sollte, sei darauf hingewiesen, dass man literarischen Pflichten nicht völlig entkommen kann. Es gibt schlichtweg Situationen im Leben, in denen man durch äußere Umstände dazu gezwungen ist, nicht eigens ausgewählte Bücher zu lesen: Als solche nötigen Lesezwänge sind alle jene zu bezeichnen, die man beispielsweise für sein berufliches Weiterkommen unumstößlich braucht. Hierzu gehören Bücher, die man zum Bestehen von Prüfungen in der Schule/Ausbildung/Uni und zur Wissensbildung im Beruf lesen soll. Um einen Lesezwang handelt es sich hierbei alleine bereits aufgrund der Tatsache, dass von einem erwartet wird, eben jene Werke gelesen zu haben und auch dahingehend geprüft wird. Sie sind elementar und man kommt deswegen nicht drumherum, sich mit dem Buch bzw. mit den Büchern zu beschäftigen. Immerhin sollen sie nicht nur Wissen vermitteln, sondern werden auch Teil einer Aufgabe sein, die es wiederum zu bewältigen gilt, um die eigene Qualifikation für die nächste Klassenstufe oder den nächsten Schritt des Berufes/der Ausbildung nachweisen zu können.

Unnötig hingegen sind solche Bevormundungen, die außerhalb von schulischen und beruflichen Bereichen benutzt werden, indem einzelne Personen oder ganze Gruppen so tun, als gäbe es einen gesetzlichen Katalog, welche Bücher man gelesen haben muss. Dieses “muss” ist hier von großer Bedeutung und wird im gesamten Beitrag eine wichtige Rolle spielen, denn die Erwartungshaltung bei diesen außer-schulischen Lesezwängen basiert nicht etwa darauf, eine Prüfung bestehen zu müssen, sondern schlicht und einfach auf der Annahme, ein Buch sei derart lesenswert, dass aus einem Lesetipp ein Lesebefehl wird — kurzum: das Buch muss gelesen werden, weil die Person oder die Gruppe es für richtig hält.

Unnötig ist dies insofern, da wortwörtlich keinerlei Not besteht, Menschen zu bestimmten Büchern derart drängen zu wollen oder ihnen ein negatives Gefühl zu geben, falls sie sich nicht mit ihnen auseinandergesetzt bzw. gemocht haben. Ohne einen triftigen Grund wird ein Druck aufgebaut und so getan, als hätte man entweder gegen ein gesellschaftliches Gesetz verstoßen oder die Gesellschaft selbst enttäuscht, indem man sich nicht konform zu möglicherweise existierenden Erwartungen verhalten hat. Dabei kann man nicht deutlich genug betonen, dass es keine Regeln gibt, welche Bücher oder Genres außerhalb der Schule gelesen werden müssen. Auch Kanons, Bestsellerlisten oder Literaturpreise sind keine Vorschriften, an die man sich zu halten hat. Sie sind Empfehlungen, mehr aber auch nicht. Sie besitzen keinen verpflichtenden Charakter und ob man sie liest oder nicht, hat keinen Einfluss auf den Wert des Lesers an sich!

Dennoch bilden sich manche Menschen ein, sie hätten entweder eine ähnlich gestaltete Macht wie z.B. Schulen/Universitäten oder eine besonders ausgeprägte Kompetenz, jemandem vorschreiben zu können, was die Person zu lesen hat.

Doch was ist die Folge, wenn man dieser Erwartungshaltung nicht entspricht?               Auf Seiten derjenigen, die sich anmaßen, darüber entscheiden zu wollen, was jemand lesen muss, kommt es zu Entsetzen, Empörung, Überheblichkeit, schiefen Blicken und ungläubigen Nachfragen in Verbindung mit der Aufforderung um Antworten, warum man denn von eben jenem Standard abweiche. Bei der anderen Person hingegen entsteht ein unangenehmer Druck, in dem plötzlich ein Scheinwerferlicht auf sie geworfen wird und das Gefühl entsteht, als müssten auch sie — ähnlich wie die Literaturfreunde in dem Artikel der Süddeutschen Zeitung — etwas bekennen müssen. Der literarische Beichtstuhl hätte schon ihren Namen aufgerufen, damit sie Buße tun und den Frevel möglichst schnell beenden können. Eine völlig überflüssige Situation.

 

Die “Argumente”

Natürlich wissen die meisten von uns, dass es einen solchen Beichtstuhl ebenso wenig gibt wie die Notwendigkeit, Menschen aufgrund ihres Lesegeschmacks bzw. ihrer Leseauswahl ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen oder sie schlechter zu sehen als sich selbst. Trotzdem sind es vor allem zwei Aussagen, die in solchen Interaktionen immer wieder missbraucht werden, um Lesezwänge zu erschaffen und Buchmenschen das Gefühl zu geben, sie hätten mit der bisherigen Auswahl ihrer Lektüren einen Fehler gemacht:

 

„Das gehört zur Allgemeinbildung!“

Kaum gibt man zu, bestimmte Klassiker oder weltberühmte Werke, die gerade alle Bestsellerlisten dominieren, nicht gelesen zu haben, fällt dieser Satz. Hinter ihm steht der Versuch, so zu tun, als sei der eigene Geschmack Teil eines universellen Standards, den jeder zu befolgen hat. Doch da der Begriff selbst immer wieder benutzt wird, um die eigene Sicht zu stärken, sei einmal geklärt, was denn Allgemeinbildung eigentlich wirklich ist:

Allgemeinbildung ist die Gewinnung von Grundkompetenzen in möglichst allen Bereichen des Lebens für die kritische Auseinandersetzung mit der gesamten physischen und geistigen Wirklichkeit des Lebens“ (Quelle).

An dieser Stelle sei einmal die Frage aufgeworfen, inwieweit Bücher in Kanons und auf Bestsellerlisten wirklich besser als andere Bücher oder ganze Genres dabei helfen sollen, Grundkompetenzen zu erwerben, die dazu beitragen können, die „physische und [geistige]Wirklichkeit des Lebens” erfassen zu können. Sind etwa Menschen, die diese Werke nicht lesen, nicht in der Lage, die Welt um sie herum zu begreifen? Besitzt jemand, der “Faust” oder “Herr der Ringe” nicht gelesen oder nicht beendet hat, etwa keinen Zugriff zur Realität? Und sind die Grundkompetenzen nicht bereits durch die schulische Ausbildung abgedeckt? Wie soll überhaupt eine Festlegung auf Bücher funktionieren, die man zwangsweise gelesen haben muss, wenn wir in Zeiten der Globalisierung immer mehr kulturelle Einflüsse besitzen und sich unsere Wirklichkeit im ständigen Wandel befindet? Besitzt Weltliteratur mehr oder weniger Wert zur Erfassung der Wirklichkeit, nur weil sie an Orten geschrieben wurde, die nicht die hiesige Gegend widerspiegelt?

Fragen über Fragen, die allesamt zu dem einen Schluss führen: “Das gehört zur Allgemeinbildung” ist schlichtweg kein Argument, da das Lesen allgemein dazu beiträgt, die Welt um sich herum verstehen zu können, nicht aber die Fokussierung und Limitierung auf einige Titel.

Zusätzlich sei die Absurdität dieses Satzes an Folgendem deutlich gemacht: Allgemeinbildung als Wort wird heutzutage leider vor allem als Synonym für einen kulturellen Standard verwendet, als hätte die Gesellschaft die Erwartungshaltung an die einzelnen Mitglieder, sich genau dieses Wissen anzueignen und würde ihr darüberhinaus auch noch einen Zwang auferlegen. Nimmt man aber einmal das große Buch der Allgemeinbildung vom Duden — einer gern gesehenen Instanz in Deutschland — fällt schnell auf, dass es 592 Seiten lang ist und 5 Themengebiete (Geschichte & Gesellschaft/ Kultur und Sprache/Glauben und Denken/ Mensch und Leben/ Erde, Naturwissenschaft und Technik) umfasst. Jedes dieser Themengebiete besitzt hunderte von Einträge A bis Z. Es ist zweifelhaft, ob es überhaupt nur einige dutzend Menschen in Deutschland gibt, die das in dem Buch dargestellte Wissen in seiner Gänze griffbereit haben. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es ein Großteil der Bevölkerung nur einen Teil dieser Allgemeinbildung auch tatsächlich besitzt; es wird in jedem der Kernthemen bei vielen von uns unterschiedlich große Wissenslücken geben.

Da ist es doch verwunderlich, dass das Entsetzen größer ist, wenn man beispielsweise Faust nie gelesen hat, als wenn man nicht weiß, wie schnell Lichtgeschwindigkeit ist, wie die 2. binomische Formel lautet, welche chemische Abkürzung Gold besitzt, wie Photosynthese funktioniert, woraus Messing besteht, wer im 30-jährigen Krieg kämpfte, wer Amerika entdeckte, was das aristotelische Drama ist, wer die Sklaverei beendete, was die Weimarer Republik war, usw. All das ist Allgemeinbildung und wenn man selbst nicht in der Lage ist, diese einzelnen Fragmente allgemeiner Bildung vorzuweisen, sollte man sich dann nicht des gläsernen Hauses um einen herum bewusst werden und aufhören, Steine auf andere zu werfen?

Kein Mensch kann alles wissen, aber jeder kann beeinflussen, ob man auf andere Menschen wegen Wissenslücken oder anderen Lesevorlieben herabblickt.

 

„Das muss man doch gelesen haben!“

Eine weitere, typische Phrase, die gerne bemüht wird, um sein Entsetzen kundzutun, wenn jemand von einem vermeintlichen Standard abweicht, lautet: “Das muss man doch gelesen haben!“. Alternativ hierzu: “Wie kann man das nicht gelesen/gemocht haben?”

Sätze dieser Art repräsentieren nicht nur einen direkten Vorwurf, ein Buch bisher verschmäht zu haben, was bereits schlimm genug wäre. Sie enthalten zusätzlich aber auch noch eine indirekte Aufforderung, diesen “Misstand” zu beenden. Dieser Forderung wird dadurch Ausdruck verliehen, indem man sich sprachlich versteckt auf eine imaginäre Autorität bezieht: Im Grunde integriert man auf diese Weise die Gesellschaft, die sich (im metaphorischen Sinne) vor die angesprochene Person stellt und ihre Enttäuschung kopfschüttelnd zum Ausdruck bringt. Beinahe so, als sei man es der Allgemeinheit schuldig und müsste sich dafür entschuldigen, das Buch nicht gelesen oder abgebrochen zu haben. Immerhin muss man es doch gelesen haben. Eine wie auch immer geartete Autorität befielt es.

Durch solche Sätze wird ein Zwang ohne jede Notwendigkeit erschaffen und auf der kommunikativen Ebene soll vor allem eines erreicht werden: man will der Person, die das Buch nicht gelesen hat, klar machen, dass sie sich falsch verhalten hat und sie zu einem Umdenken bewegen. Gleichzeitig stellt man sich über sie und zwingt sie in eine unangenehme, defensive Position, in der sie sich schlecht fühlt. Beides sind Folgen eines völlig unberechtigten Anspruchs eines Menschen oder einer Gruppe, die freie Wahl der Lesevorlieben lenken oder gar beschränken zu wollen. Auch hier seien einige Fragen vorgetragen, die vor allem diejenigen zum Nachdenken anregen sollen, die Sätze wie “das muss man doch gelesen haben” zu ihrem Sprachgebrauch zählen:

Muss man das wirklich? Wer bestimmt das? Und wer hat der Person so viel Macht gegeben außer sie sich selbst? Was sind die Konsequenzen, wenn man gegen dieses Pseudo-Gesetz verstößt? Wenn nichts daraufhin folgt, ist der Zwang dann nicht von vornherein überflüssig? Kann man dann nicht auf ihn verzichten? Steht hinter solchen Phrasen nicht der Versuch, einen imaginären Druck erschaffen, um damit eigene Ansichten durchzusetzen? Wie viele von diesen “Muss-Büchern” hat man wohl selbst nicht gelesen?

Fakt ist doch eines: Wenn Person A so einen Satz zu Person B sagt,  ist es nicht so, als würde die Gesellschaft verächtlich auf Person B schauen. Das Problem liegt bei Person A und ihrer Erwartungshaltung, dass bitte alle Menschen einen ähnlichen Lesegeschmack wie sie selbst haben soll und Abweichler von eben jenem Geschmack verurteilt werden, indem man ihnen das Gefühl gibt, sie hätten die falschen Bücher gelesen. Dabei sind nicht diejenigen, die bestimmte Bücher nicht gelesen oder sogar abgebrochen haben, sondern diejenigen im Unrecht, die sich anmaßen wollen, bestimmen zu können, was andere Menschen zu lesen haben. Es gibt keine Gesetze, keine Regeln, keine Vorschriften. Es gibt nur eines: die literarische Vielfalt — und die gilt es zu wertschätzen.

 

Wo liegt das Problem?

Äußerer Druck führt zu Innerem!

Ist man einmal in einer solchen Situation, in der man mit den eben erwähnten Phrasen konfrontiert wird, und handelt es sich dabei vielleicht sogar um kein Gespräch unter vier Augen, sondern möglicherweise um eine Gruppenunterhaltung, fühlt es sich an, als sei man aus einem literarischen Gespräch rausgerissen und auf einen heißen Stuhl verfrachtet worden, auf den gleißende Scheinwerfer gerichtet werden. Diese Momente sind unangenehm, weil sie meist unerwartet geschehen und es entsteht ein ähnlicher Druck wie in der Schule, als hätte man seine Hausaufgaben nicht gemacht und würde vom Lehrer bzw. von der Lehrerin öffentlich darauf angesprochen werden. Sofort stellt sich eine Beschleunigung des Herzens ein und man bekommt das Gefühl, man müsse sich rechtfertigen, während man unmittelbar diese Erwartungen des Gegenübers spürt, derer man nicht gerecht wurde. Wird zusätzlich auch noch betont, dass man gegen gewisse Standards verstößt, hat man nicht nur den Gesprächspartner enttäuscht, sondern fühlt sich vielleicht sogar als Außenseiter, da man nicht gesellschaftskonform zu lesen scheint. Da braucht es schon eine gewisse Portion Selbstvertrauen und innere Stabilität, nicht ins Wanken zu geraten oder das eigene Selbstwertgefühl angekratzt zu sehen und daraufhin den eigenen Lesegeschmack zu hinterfragen. Schnell kann man sich selbst unter Druck gesetzt sehen, dem Standard zu entsprechen, dem Gruppenzwang nachzugeben und dann Bücher zu lesen beginnen, die eigentlich fernab des eigenen Geschmacks sind.

Lesegeschmack als Bewertungsmaßstab!

Führt man die vorherigen Sätze einmal gedanklich weiter, bedeutet das ausgedrückte Entsetzen und der damit einhergehende Druck für die angesprochene Person, dass es zu einer unterschiedlichen Wertung des Leseverhaltens kommt. Die Person, die sich anscheinend konform eines gängigen Standards gegenüber verhält, ist auf einmal über einer Person gelegen, die sich den Büchern bewusst wie auch unbewusst bisher verweigert hat. Der eigene Lesegeschmack und die Leseerfahrung wird hierdurch zu einem Bewertungsmaßstab in einer Unterhaltung. Sätze à la “wie das kennst du nicht?”, “du hast das abgebrochen?” oder “das hast du nie gelesen?” sorgen dafür, dass die angesprochene Person sofort in einer Verteidigungshaltung ist und es wird ein Klima erschaffen, in dem man das Gefühl hat, sich schämen oder entschuldigen zu müssen. Hierdurch verlieren zwei Menschen, die sich eigentlich harmonisch über Literatur unterhalten wollen, die Augenhöhe und eine Person steht auf einmal auf einem wie auch immer hoch geratenen Podest. Kommunikation findet in dem Augenblick von oben nach unten bzw. unten nach oben statt, aber nicht mehr auf gleicher Ebene. Gleichzeitig werden Menschen ab- bzw. aufgewertet, weil sie entweder vermeintlichen Standards entsprechen oder eben nicht.

Überheblichkeit & verächtliche Blicke!

Als unmittelbare Folge dieses Bewertungsmaßstabs und der daraus einhergehenden unterschiedlichen Gewichtung von Lesegeschmäckern, kann es geschehen, dass sich die Person, die angeblichen Lesenormen entspricht, überlegen fühlt und dadurch überheblich wird. Sie blickt in dem Moment einfach auf die Personen herab, die große Klassiker oder Werke der Weltliteratur nicht gelesen oder beendet haben, und bildet sich ein, die eigenen Lesevorlieben seien nicht nur wertvoller, sondern denkt Gleiches auch noch über sich selbst. Eine gnadenlose Selbstüberschätzung und ein Ungleichgewicht im Dialog über Bücher resultieren aus einer solchen Sichtweise, die dem harmonischen Zusammensein und literarischen Gesprächen mehr schadet als nutzt. Insbesondere da die Personen, die sich auf einmal auf ein hohes Ross gesetzt fühlen, nicht realisieren, dass sie mit ihrem Verhalten, wie z.B. einer abschätzigen Tonlage bei Nachfragen oder verächtlichen Blicken, zwischenmenschliche Probleme erschaffen, die über das Thema “Bücher” hinausgehen. Wer bereits wegen seines Lesegeschmacks auf andere herabschaut, die eben jene Vorlieben nicht teilen, offenbart mehr Ablehnenswertes über sich, als jemals von Menschen, die sich Standards nicht unterwerfen, “gebeichtet” werden könnte.

Literarischer Diskurs wird zum Minenlauf!

Nicht nur die Meinung über den Lesegeschmack variiert von Person zu Person, sondern auch die Eigenwahrnehmung, welche Bücher man gelesen haben muss und welche eher zweitrangig sind. Hierdurch sind literarische Gespräch zwar jederzeit möglich, dennoch schwebt über jeder der Unterhaltungen ein Damokles-Schwert, das nur darauf wartet, in die offenen Wissenslücken schneiden zu können. Da es die angesprochenen negativen Phrasen gibt und Menschen nicht müde werden, ihr Entsetzen über Leselücken kund zu tun, kann es in jedem literarischen Austausch passieren, dass eine solche negative Situation auftritt, in der sich eine Person bloßgestellt fühlt. Es reichen bereits Unterhaltungen über Lieblingsbücher oder solche, die man selbst nicht weiterlesen wollte, schon droht das Schwert herunterzufallen und das Gespräch nähme eine unangenehme Wendung.

Zwänge schränken Vielfalt ein!

Wie man es nicht nur vom Bereich der Literatur, sondern vor allem auch von Filmen und Serien kennt, verwandelt sich ein “musst du lesen(/schauen)” schnell in ein “musst du gut finden”. Dabei ist es einerlei, ob man offenbart, Game of Thrones noch nie geguckt oder Herr der Ringe nie gelesen zu haben. In beiden Fällen basiert das Entsetzen auf der Erwartungshaltung, dass solche Werke zum kulturellen Alltag gehören und gemocht werden müssen.

Dies ist aus zwei Gründen wenig dienlich für einen bereichernden, literarischen Austausch: zum einen wird hierdurch bereits eine Meinung vorgefertigt, dass man das Werk gut zu finden hat. Es wird der innere Druck aufgebaut, diese Meinung auch zu teilen und das wiederum beeinflusst die erste Wahrnehmung eines Buches, da man spüren kann, wie dieser Zwang, sich mit dem Werk zu beschäftigen und es zu mögen, auf einem lastet. Ob man sich dann wiederum davon freimachen kann, ist eine andere Sache, aber es sei das Beispiel vorgetragen, jemand würde ein Buch mit den Worten überreichen: “du wirst es lieben, wird dir großartig gefallen!” In einem solchen Fall entsteht bereits eine eigene Erwartungshaltung, die eine freie und damit vielfältige Reaktion etwas einschränkt, da man dann nicht mehr völlig losgelöst an das Werk gehen kann, sondern es sich vor allem dahingehend zu Gemüte führt, die aufgebaute Erwartungshaltung entweder bestätigt oder gescheitert zu sehen.

Der zweite Grund, warum diese Zwänge, die wir uns gegenseitig ohne jede Not auferlegen und so tun, als gäbe es einen verpflichtenden literarischen Kanon, den man aus gesetzlichen Gründen abzuarbeiten hätte und würde ein Unrecht begehen, wenn man sich weigere oder daran keine Freude empfände, liegt in der Vielseitigkeit von Literatur selbst: Ist es nicht gerade der Weg abseits des Standards, der die meisten Überraschungen und tollsten Erfahrungen bieten kann? Und liegt in dieser Vielfalt literarischer Werke nicht die Schönheit von Büchern? Man stelle sich einmal vor, man würde in einen Buchladen oder eine Bücherei gehen und dort nur die Bücher vorfinden, die zu diesen typischen Standards gehören, die angeblich zur Allgemeinbildung gehören. Über 90% aller anderen Bücher wären verschwunden und man wäre mit einem kläglichen Rest zurückgelassen. Eine schreckliche Vorstellung.

 

Was also tun?

Leseinteresse wecken!

Anstatt Druck aufzubauen, dass sich Menschen schlecht fühlen, ein Buch nicht gelesen zu haben, sollte man eher dessen Vorzüge betonen und herausstellen, warum es lesenswert ist. Auf diese Weise kann man echtes Leseinteresse wecken und seinem Gegenüber das Buch schmackhaft machen, sodass es aus einem eigenen Wunsch heraus gelesen wird und nicht wegen eines Pflichtgefühls. Immerhin ist gegen eine leidenschaftliche Vorstellung, warum ein Buch ganz fantastisch ist und dringend gelesen werden sollte, nichts zu sagen. Diese gelebte Bücherliebe muss dringend auf Augenhöhe geschehen und mit dem Wunsch, der anderen Person etwas Gutes zu tun und nicht, einem Menschen den eigenen Lesegeschmack aufzwingen zu wollen.

Eigenreflexion – Wissen!

Es mag vielleicht nicht immer gewollt sein, andere Menschen überrascht und vorwurfsvoll zu fragen, warum sie ein Buch noch nicht gelesen oder es frühzeitig abgebrochen haben, aber das macht die Tat an sich nicht besser. Hilfreich wäre es an dieser Stelle, sich darüber bewusst zu werden, dass während man sich der Person gegenüber bewusst/unbewusst überlegen fühlt und sie in eine Richtung drängen möchte, man selbst ebenfalls gigantische Wissenslücken und literarische Leerstellen besitzt, die wiederum von anderen Personen aufgedeckt werden könnten. Kein Mensch kann alle Bücher dieser Welt gelesen oder das gesammelte Allgemeinwissen in sich vereinigt haben. Ein bewussterer Umgang mit den eigenen Schwächen wäre hier von Vorteil, um andere nicht zu verurteilen, sondern die unterschiedlichen Lesevorlieben und Bucherfahrungen einfach zu akzeptieren.

Eigenreflexion – Verhalten!

Zusätzlich würde eine Reflexion darüber helfen, wie das eigene Verhalten auf das Gegenüber wirkt und selbst wenn man es nicht wollte, für eine unangenehme Drucksituation sorgt. Hierbei hilft es bereits, sich vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, wenn man selbst Betroffener wäre, sprich wenn jemand anderes die in jedem Falle existenten Leselücken offenbaren würde. Anderen Menschen mit Sätzen wie “das ist doch Allgemeineinbildung” oder “das muss man gelesen haben” ein negatives Gefühl zu vermitteln, ist sicher nichts, was einem selbst gefallen würde. Daher sei der alte Leitsatz bemüht: was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.

Fazit

Lesen bedeutet Freiheit.

Sei es bei der Wahl der literarischen Gattung, des Genres, der AutorInnen, der Landessprache, des Themas, des Sprachniveaus, der Seitenzahl, etc. — das alles kann von jedem von uns zu jedem Zeitpunkt frei bestimmt werden. Gleichzeitig macht auch genau das die Vielfalt an Büchern aus, da sie so individuell sind, wie diejenigen, die sie in den Händen halten. Jeder Versuch, Lesezwänge aufzubauen und Standards durch Druck durchsetzen zu wollen, beschränkt die Freiheit und die Vielfalt der Literatur, die wir als Ganzes so lieben. Daher deutlich: niemand hat das Recht, anderen Menschen unnötig vorzuschreiben, was sie zu lesen haben. Schon gar nicht steht es jemandem zu, auf andere Menschen herabzusehen, nur weil sie einen anderen Lesegeschmack besitzen, sich nicht für ähnliche Genres/Themen interessieren, oder Bücher ablehnen, die man selbst als elementare und zu beklatschende Literatur ansieht.

Das zu verfolgende Motto ist ganz simpel:

Lesen und lesen lassen.

 

 

 

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Bildquelle: https://www.amazon.de/Duden-Das-gro%C3%9Fe-Buch-Allgemeinbildung/dp/3411056274/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1505653220&sr=8-1&keywords=allgemeinbildung

4 thoughts on “Plädoyer gegen Lesezwänge, Bücher als Druckmittel und Überheblichkeit”

  1. Wow, was für ein Plädoyer für die Lesefreiheit! Natürlich kommt man in der Schule o.ä. nicht drumherum, das zu lesen, was im Lehrplan steht. Aber das hat mir nie gefallen, weil es eben aufgezwungen war. Erst jetzt würde ich viele Schullektüren freiwillig lesen. Da merkt man doch aber schon, dass Lesezwang einen nicht weiterbringt, sondern eher das Gegenteil bewirkt. Natürlich kann man nach seinem Geschmack Empfehlungen aussprechen, manche suchen ja auch danach. Aber jemanden gar als ungebildet zu bezeichnen, nur weil er dies oder jenes nicht gelesen hat, finde ich unfair. “Lesen und lesen lassen” finde ich ein tolles Motto!
    Liebe Grüße, Katharina

    1. Vielen Dank :)! Freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefallen hat:)! Ich bin auch bei Schulen skeptisch, wenn es da immer wieder und wieder Lesezwänge gibt. Ich finde es besser, wenn man Schülerinnen und Schülern eine Auswahl gibt und sich jeder nach seinem eigenen Geschmack etwas raussuchen kann. Es gibt ja bei jeder Epoche unterschiedliche AutorInnen und da ist es besser, wenn nicht der Lehrer bzw. die Lehrerin bestimmt, sondern man eine breite Palette im Angebot hat. Ist natürlich auch schwieriger zu unterrichten, weil die SchülerInnen mehr alleine mit dem Buch sind, da man nicht alle Bücher parallel besprechen kann, trotzdem wäre das sicher reizvoller für alle Beteiligten:)!
      Liebe Grüße Sven 🙂

      1. Das finde ich eine sehr schöne Idee! Man kann Bücher aus der selben Epoche ja auch miteinander vergleichen! In Sachen Schulen ist sowieso vieles, was man verbessern kann, aber ich schweife ab und verfasse sonst gleich einen Roman 😀 Ich finde deinen Vorschlag gut!
        Liebe Grüße, Katharina

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