Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich nicht dachte, diesen Blogbeitrag mit einem solchen Gefühl zu schreiben. Vorher waren da Zweifel, Emotionen des unsicheren Abwägens, ob ein Barcamp generell, nicht einmal explizit dieses Litcamp, überhaupt eine Chance hätte, mich begeistern zu können.

Zu viele Dinge, die an sich qualitativ nicht schlecht sind, sondern nur einfach nicht meinem Typ entsprechen, sind ein Teil des Grundkonzeptes eines solchen Barcamps: Planungsunsicherheit bei den Sitzungsthemen zum Beispiel oder auch das vorab fehlende Wissen wer da wann über was wie reden würde. Dazu noch die Enge mit so vielen fremden Menschen auf „Zwang“ einen ganzen Tag verbringen zu müssen und natürlich die Vorstellungsrunde; alles Dinge, die Menschen wie mir, die eine Struktur brauchen, um Sicherheit zu gewinnen, die vorher wissen müssen und möchten, worauf sie sich einlassen, die Spontanität in einem solchen Umfeld eher zum Teil der Planung machen (z.B. spontan doch eine andere Sitzung zu nehmen als eigentlich gedacht), die grauen Haare ebenso wie Unmut sprießen lassen. Es ging sogar so weit, dass ich einen Blogbeitrag bereits mit dem Titel „Litcamp Bonn 2017 – Es liegt nicht an dir, sondern…“ angefangen hatte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Punkte, die mir im Vorfeld — aus einer peinlichen Engstirnigkeit heraus — Kopfzerbrechen bereiteten, sich vor Ort ändern würden. 

Doch dann geschah, was in allen Szenarien zuvor im Grunde keine Rolle spielte: die Befürchtungen trafen auf die Realität und wurden weggewischt als wären sie nur kleine Schmutzflecke auf den Scheiben des Hypezuges gewesen — wie das nun mal häufig so ist, wenn man seinen Horizont erweitert und ein wenig Licht in das schattige Plätzchen der eigenen Vorurteile lässt. 


Doch der Reihe nach:

Das Drumherum

 

 

Die Anreise nach Bonn verlief so problemlos, wie ich es mir bei der Reise zur LBM17 nur hätte erträumen können: Einsteigen in die Bahn, aussteigen, fertig. Zwar wurde ich beim Verlassen des Bahnhofs von einem riesigen Gebäude überrascht, das sich gerade im Abriss befand und Bildern aus Kriegsgebieten ähnelte, aber die Bonner gingen mit einer solchen Selbstverständlichkeit an diesemgespenstischen Anblick vorbei, dass ihre Gleichgültigkeit auf mich über sprang

Dort verbrachte ich dann eine halbe Stunde, teils im Buch, teils in meine Timeline vertieft — die letzte Ruhe vor dem sicher aufregenden Tag. Rückwirkend eine gute Idee, denn so konnte ich bereits an der nervösen Vorfreude der tollen Menschen, die ich nur wenig später live sehen würde, teilnehmen und gleichzeitig noch ein wenig entspannen.

Dann ging es aber los zum eigentlichen Veranstaltungsort, der viel leichter zufinden war, als ich vorher vermutet hatte. Ganz hübsch sah es von Außen aus unddass die Volkshochschule Bonn eine Einheit mit der Stadtbibliothek bildete, gab dem Ort noch eine zusätzliche tolle Note, immerhin war die Anwesenheit von tausenden Büchern spürbar. 

 

Im oberen Bereich der Volkshochschule wurden dann die Teilnehmer-Badges verteilt und ich fragte extra nach einem roten Punkt, denn das Litcamp Bonn hatte sich überlegt, dass nicht jeder Mensch ein Freund von unfreiwilligen Fotos ist und man durch einen roten Punkt verhindern könnte, dass man fotografiert wird. Super, das sollten alle Arten von Barcamps haben! Insbesondere, da sich im Grunde alle daran gehalten haben! Großes Lob an dieser Stelle für die Idee!

Ein kleiner Verbesserungsvorschlag jedoch bei den Badges: Lieber 3-4 € mehr für das Ticket verlangen und dann durchsichtige Hüllen für die Papierscheine mitliefern, damit diese Erinnerungsstücke nicht verloren gehen und nicht so leicht knicken können. Wäre doch wirklich schade drum!

Die Örtlichkeiten, die man für das Camp ausgewählt hatte, waren übrigens in einem tollen Zustand und genügten jeden Ansprüchen! Vernünftige Räume mit einer sehr guten Akustik, dazu genug Platz für alle Leute und keinesfalls zu eng, dass man sich wie eine Sardine in der Dose fühlen würde. Da haben die Veranstalterinnen wirklich ein gutes Gespür bewiesen und die besten Vorraussetzungen geschaffen, dass man den Tag vollends genießen kann!

Die Sessions

Im Vorfeld herrschte Unsicherheit, denn eines ist klar: alles steht und fällt mit den Teilnehmern. Es hätte durchaus passieren können, dass dort Themen angeboten werden, die in keiner Weise den eigenen Geschmack treffen und man sich fragen würde, warum man die Reise überhaupt angetreten hat. Doch diese Sorge verschwand immer mehr und mehr, je mehr Themen von den Teilnehmern vorgestellt wurden. Es war ein buntes Potpourri zu unterschiedlichsten Bereichen des Schreibens, Autorendaseins, Büchern und Menschen in ihren Leben im Allgemeinen. Da war wohl eher das Problem, welche Sitzung man schweren Herzens verpassen würde, um sich eine andere anzuschauen. 

Die Sessions selbst werde ich — im Gegensatz zu meinen Berichten über die Leipziger Buchmesse — nicht im Einzelnen bewerten oder im Detail auf Stärken und Schwächen eingehen, weil es sich bei allen Referenten um Teilnehmer handelte, die anderen Teilnehmern (unbezahlt!) etwas Gutes taten und das ist sehr löblich gewesen. Chapeau für diesen Mut und die innere Überwindung, sich derart zu präsentieren — ohne diese Bereitschaft könnte kein Barcamp existieren! 

Eines kann ich aber durchaus sagen: Insgesamt war das Niveau der Sessions sehr hoch und konnte mich entweder auf inhaltlicher oder auch der Ebene der Präsentation bereichern. Lediglich gezwungene Mitmach-Aktionen in Sessions — wie z.B. 50 Menschen mehrmals jeweils einen Satz vorlesen lassen — sind nicht mein Fall, da zum einen der Lerneffekt dabei auf der Strecke bleibt und eine ähnliche Wirkung wie bei der Vorstellungsrunde auftritt, zu der ich später kommen werde. 

Sieht man von solchen pädagogischen Zeitvertreiben einmal ab, war ich mit den Sessions wirklich sehr zufrieden und konnte aus jeder etwas mitnehmen, das ich interessant, spannend, lehrreich oder auch horizonterweiternd fand. Es hat sich also auf jeden Fall gelohnt, an den Präsentationen/Vorträgen/Diskussionen teilzunehmen und es war eine Erfahrung, die viel Lust auf weitere Sessions gemacht hat.

Die Menschen

Wie für die Sessions, so gilt auch hier: das Litcamp ist völlig abhängig von den Teilnehmern. Wenn zu konträre Persönlichkeiten aufeinandertreffen oder die

Wohin das Auge auch reichte, jeder schien sich mit jedem unterhalten zu können, man fand jederzeit schnell Zugang zu Gesprächen, Themen waren ebenso schnell entdeckt und nirgendwo schien es einfacher zu sein, sich mit wunderbar freundlichen Menschen austauschen zu können, wie auf eben jenem Literaturcamp. Egal ob man sich bereits vorher persönlich kannte, sich durch die sozialen Medien miteinander vertraut fühlte oder zum ersten Mal ein Wort miteinander gewechselt hat: eine gute Gesprächsebene war schnell geschaffen und so wandelte sich das anfänglich Fremde zu einer wohltuenden Nähe, die man vermisste, sobald das Camp endete.

An dieser Stelle passt der in sozialen Kanälen oft geäußerte Satz: Buchmenschen sind einfach tolle Menschen. Spätestens nach diesem Litcamp kann ich das nur so bestätigen.

Also alles perfekt gelaufen auf dem Litcamp?

Auf menschlicher und inhaltlicher Ebene und auch in Bezug auf die Sessions: auf jeden Fall. Es gibt allerdings noch zwei Punkte, die ein wenig Luft nach oben besitzen und eine Veränderung vertragen könnten:

Massen-Vorstellungsrunde

Der Gedanke hinter einer Vorstellungsrunde ist sehr gut: man möchte alle Menschen mal dazu bewegen, den Mund aufzumachen und dadurch ermutigen, sich aktiv zu beteiligen. Soweit die Theorie. 

Das funktioniert auch hervorragend in einer Gruppe von bis zu 15 Menschen, wäre also in den einzelnen Sessions sehr gut angebracht gewesen. Bei einer Gruppengröße von 100 und mehr Menschen ist es jedoch einzig die pädagogische Träumerei, die dieses Konzept noch am Leben erhält, denn fünf Dinge sind völlig klar, auch wenn man sich noch so sehr dagegen sträuben mag:

– Man hört schlichtweg nach 5-10 Menschen nicht mehr wirklich zu und die Vorstellungsrunde wird zum Hintergrundrauschen. 

– Man ist angespannt, sich nicht zu verhaspeln und ist mit sich selbst beschäftigt, bekommt dadurch also ebenfalls nicht so viel mit.

– Ist man dran gewesen, reicht die Aufmerksamkeit erneut nur für 5-10 Menschen und man muss warten, bis alle restlichen Teilnehmer ihren Auftritt im Scheinwerferlicht hatten

– Monologfreunde sind nur schwer zu bremsen und verlängern die Angelegenheit unnötig. 

– Es ist ein wahnsinniger Zeitfresser, der offenkundig niemandem etwas bringt, da zu viele Informationen auf einmal auf jeden Einzelnen einprasseln und man im Grunde hinterher genauso viel über alle Teilnehmer wusste wie vorher. 

Was würde besser funktionieren? 

Per Zufall kleine Gruppen bilden lassen, in denen man sich kurz vorstellt und nach einigen Minuten wechselt man die Gruppe. So hätte man ein intimeren Rahmen, kann sich unmittelbar mit den Personen unterhalten, Nachfragen stellen und bekommt einen ersten Eindruck, wer einem sympathisch erscheint. So hilft man auch allen, die zum ersten Mal auf einem Barcamp sind und noch nicht viele Menschen kennen, einen ersten Anschluss zu bekommen. Gleichzeitig fällt es schüchternen Menschen leichter, sich vor einer kleinen Gruppe zu öffnen, als vor den 100+ Menschen gleichzeitig, die einen alle anstarren, während man stehend mit einem Mikro seinen vorher ausgedachten Text aufsagt.

Planungssicherheit 

Das Gefühl, nicht zu wissen, worauf man sich einläßt, schwingt bei jedem neuen Barcamp dieser Art mit und wird nicht nur Unsicherheit auslösen, sondern könnte sogar dafür sorgen, dass man sich an ein solches Event nicht herantraut. Das ist schade und könnte doch sehr leicht verhindert werden:

Würde man vorher bereits einen Einblick bekommen, welche Art Sessions da geplant sind, wäre es möglich, noch zögernde Menschen zu überzeugen und sogar Vorfreude in allen Teilnehmern zu wecken, ähnlich wie es die Veranstaltungskataloge der großen Messen in Frankfurt und Leipzig bieten. Aus diesem Grund wäre es ratsam, wenn man zulässt, dass willige Teilnehmer ihre Session-Themen bereits online in eine Liste eintragen, die für alle ersichtlich ist. Wer also bereits im Vorfeld weiß, worüber man eine Session machen wird, kann sich einfach in die Liste eintragen und bereits einen Vorgeschmack auf das ganze Event bieten. Das würde sich lohnen, da man so dieses Gefühl, eine Katze im Sack zu kaufen, eher vermeiden kann.

Fazit

 

Wie dieser Screenshot meines Tweets bereits zeigt, konnten die zwei eben genannten Einschränkungen, die Teil eines jeden Barcamps sind, den Spaß an diesem Tag nicht mindern. Die Qualität der Sessions war zu gut und die Menschen zu liebenswert, interessant und freundlich, als das man sich die Laune hat vermiesen lassen können.

Das Litcamp Bonn 2017 war mein erstes Barcamp und auch wenn einige Befürchtungen zuvor Teil meiner Erwartungen waren, bin ich mit einem positiven — weil der Tag derart ereignisreich und lohnenswert war — und melancholischen Gefühl — da man die tollen Menschen bereits vermisste — aus Bonn wieder in Richtung Heimat gefahren. Wer bereits einmal auf einem Barcamp war, berichtete von einem ähnlichen Gefühl und sehnte sich nach einer Wiederholung. Auch ich, der ehemalige Zweifler, teile dieses Gefühl inzwischen und kann allen Unschlüssigen nur eines raten: springt über den Zaun eurer eigenen Erwartungen und erlebt es selbst. Findet einen Weg, euch selbst zu überwinden und begebt euch in das Getümmel. Es mag am Anfang wie eine Reizüberflutung wirken, aber sobald man sich an die Eindrücke gewöhnt hat, entspannt man sich und wird einen Tag erleben, an den man noch lange zurückdenken wird. 

In diesem Sinne: ein großes Dankeschön an das Litcamp Bonn 2017, an die Organisatorinnen und alle Teilnehmer für dieses Erlebnis! Ich bin im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei!

 

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