Schreiben ist ein Prozess, der uns in frühen Jahren beigebracht wird, den wir Dank menschlicher Stützräder immer besser meistern können und irgendwann die Freiheit besitzen, uns eigene Texte auszudenken. Das ist nicht immer leicht, wie jeder von uns weiß. Umso dankbarer sind insbesondere Schreibanfänger, wenn Ihnen vermeintlich gute Tipps mit auf den Weg gegeben werden, die sie zu besseren Schreibern werden lassen sollen. Leider sind viele dieser Ratschläge eher gut gemeint als wirklich eine Stütze im Autorenleben darzustellen und daher soll es Aufgabe dieses Artikels sein, sich einige der am weitesten verbreiteten Mythen anzusehen, sie kritisch zu hinterfragen und gegen wirklich hilfreiche Alternativen auszutauschen. Natürlich muss an dieser Stelle klar erwähnt sein, dass die folgende Sammlung an Hilfestellungen keineswegs als allumfassend und vollständig angesehen werden kann. Beinahe jeder Autor und jede Autorin verfügt über mindestens eine Hand voll. Nichtsdestotrotz werden viele der folgenden Hilfestellungen allgemein bekannt sein und auf Herz und Nieren geprüft.

#1 Schreibe nur über das, was du kennst und erlebt hast!

Den Anfang macht das trojanische Pferd unter den Schreibtipps, das zwar wie ein Geschenk wirken mag, sich aber als Falle entpuppen wird. Der Ratschlag behauptet, man solle unabhängig von Geschlecht, Alter, sozialer Herkunft und ähnlichen Faktoren nur über die eigenen Erfahrungen schreiben und sich keinesfalls in unbekannten Gewässern aufhalten. Dieser Ratschlag soll speziell für Anfänger hilfreich sein, damit sie sich beim Schreiben nicht übernehmen und einen Ansatzpunkt bekommen, mit welchen Themen sie beginnen können. Das klingt doch erst einmal nicht verkehrt, oder?

Doch leider hier öffnen sich die Klappen des hölzernen Pferdes und lassen ihren wahren Kern heraus: 

Dieser Vorgehensweise schränkt die eigenen Möglichkeiten der sprachlichen, fantasiereichen und erzählerischen Entfaltung stark ein. Hielte man sich an diesen vermeintlichen Rat, müsste man sich von Geschichten verabschieden, die über das Autobiographische hinaus gehen und damit wären ganze Genres wie Science-Fiction oder Fantasy begraben. Niemand auf dieser Welt hat sich schon einmal mit Fabelwesen unterhalten, kein Mensch würde mehr mit Orks und Elben durch die Gegend wandeln, niemand mehr bei Harry Potter verzaubert werden und auch die Beschreibung fremden Planeten wäre nur denen überlassen, die tatsächlich schon einmal derartige Erfahrungen gemacht haben. Streicht man diese ganzen Gebiete des Schreibens, blieben beinahe nur noch Biographien und Kochbücher über und das wäre doch sehr schade. 

Eine zweite Gefahr dieses Ratschlags offenbart sich, wenn man ihn für voll nimmt und in den eigenen Erinnerungen kramt, um Situationen oder Geschehnisse zu finden, über die es sich zu schreiben lohnen würde. Führen wir wirklich so spannende Leben, wie wir es unseren Charakteren gerne zumuten? Viel Dramatik, Aufregung und Spannung ist sicher nicht bei vielen von uns an der Tagesordnung, daher erscheint die Aufgabe, verzweifelt in der eigenen Lebensgeschichte nach interessanten Stoffen für Theaterstücke, Kurzgeschichten, Novellen und Romanen zu suchen, beinahe unmöglich, da man LeserInnen auch nicht mit Belanglosigkeiten langweilen möchte.

Am ehestens wäre geholfen, wenn man den Ratschlag umformulieren würde: Schreibe über das, was dich interessiert und dich begeistert. Eigene Erfahrungen dürfen dir als Inspirationen dienen.

  

#2 Schreibe ausschließlich für den Markt!

Dieser Schreibtipp war insbesondere bei der diesjährigen ersten internationalen Autorenmesse in Frankfurt präsent und auch wenn er sinnvoll erscheinen mag, muss er kurz so erklärt werden, wie er gemeint war: er fordert aktiv dazu auf, sich ausschließlich daran zu orientieren, welche Bücher die aktuellen Bestseller stürmen und dann ähnliche Werke zu produzieren, um in Fahrwasser ebenfalls etwas vom Scheinwerferlicht und damit vom großen Geldkuchen abzubekommen. Eigene Ideen sollen dabei möglichst vermieden werden, um diejenigen zu kopieren, die mit eigenen Visionen bereits Erfolg hatten. Hier stellt sich die alte Schaf-oder-Schäfer-Frage: Möchte man als AutorIn lieber dem, was jemand anderes geschaffen hat, nacheifern und eine B-Version eines erfolgreichen Buches herstellen oder möchte man lieber durch eigene Ideen überzeugen. Ist man also lieber das jemand anderem folgende Schaf oder der Schäfer, der AutorenkollegInnen inspiriert? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten, aber eines ist klar: durch diesen Schreibtipp wäre man gezwungen, die eigenen Vorstellungen, Interessen, Vorlieben und Ansprüche auszuklammern, um das eigene Schreiben nach Chartplatzierungen auszurichten. Aber wenn wir alle nur noch denen nacheifern würden, die bereits Erfolg haben, gäbe es dann noch eigenständige, spannende und wunderbare Geschichten? Eher nicht.

Aus diesem Grund sollte der Schreibtipp eher lauten: Verfolge deinen eigenen Stil und deine eigenen Ideen — LeserInnen sollen dich und deine Geschichten bejubeln und nicht die nachgemachten Versionen von anderen Autoren. Die Kopie ist niemals so gut wie das Original.

#3 Show, don’t tell!

Manches Mal sind Ratschläge derart in unseren Sprachgebrauch übergegangen, dass wir vergessen, was sie wirklich einmal bedeuteten und worauf sie abzielten. Ein solches Beispiel ist das berühmte wie auch berüchtigte „show, don’t tell“ — man soll als AutorIn eher zeigen, anstatt nur zu erzählen. Wenn man den Ursprungsgedanken hinter diesem Schreibtipp nimmt, kann man dem nur zustimmen: anstatt zu sagen, wie sich ein Charakter fühlt, zeige es anhand von Mimik, Gestik, Dialogen und Handlungen. Einverstanden! Inzwischen hat sich der Satz aber verselbstständigt und gerade jungen AutorInnen, die mit dieser Ursprungsbedeutung nicht vertraut sind, könnten sich ermutigt fühlen, auch alles andere eher zeigen, anstatt erzählen zu wollen. Das führt unweigerlich zu Problemen und Gewissensbissen, wenn man beispielsweise neue Charaktere einführt, eine kurze Einführung gibt, wer sie sind und dann eigentlich — sofern man diesem Schreibtipp akkurat folgen wollen würde — zeigen müsste, woher der Charakter kommt, was die Figur erlebt hat und wie sie sich bis zur Gegenwart entwickelte. Am Ende dieses langen Rattenschwanzes stände eine Flut an Details, an genauen Erklärungen und viele Zusatzinformationen, die für die Haupthandlung nicht relevant sind und gerade deswegen LeserInnen langweilen können. Man möchte viele Dinge, aber sicher nicht, die Käufer der eigenen Werke mit überflüssigem Ballast überladen.

Daher die Alternative: Zeige Gefühlsreaktionen, berichte nicht nur von ihnen. Bei allem anderen stelle dir die Frage: trägt es zur Geschichte bei?

#4 Schreibe so leicht verständlich wie nur möglich.

Dank dieses Ratschlags sollen Bücher geschaffen werden, die in keinem Fall eine geistige Herausforderung für LeserInnen darstellen, da — und das ist die Annahme — die Buchfreunde entweder davon überfordert wären oder sich nur nach Lesestoff sehnen, bei denen sie den Kopf ausschalten können. Eine äußerst negative Einstellung gegenüber LeserInnen, die hierbei als faul und dümmlich dargestellt werden. Das alleine sollte diesen Schreibtipp bereits disqualifizieren. Hinzu kommt noch, dass man sich mittels dieses Tipps auch der individuellen Färbung berauben würde, da man sich stets nur auf den einfachsten, aber nicht zwingend den eigenen Schreibstil berufen müsste. Großartige Werke der Weltliteratur wären undenkbar, wenn man immer nur darauf geachtet hätte, das eigene sprachliche Vermögen auf ein Minimum zu begrenzen. Des Weiteren liegt hier ein Trugschluss vor: es wird angenommen, dass man sich einer breiten Masse öffnen könnte, indem man zur sehr leichten Sprache greift, aber gleichzeitig wird nicht bedacht, dass man sich auch für diejenigen verschließt, die einen gewissen Anspruch an literarische Werke besitzen. 

Alternativtipp: Nicht jedes Buch ist für jeden Leser beziehungsweise jede Leserin und dieses Wissen sollte man zelebrieren, indem man Bücher mit dem eigenen Schreibstill verfasst, ohne sich sorgen zu müssen, dass es unpassend für den Massenmarkt sei.

#5 Schreibe ausnahmslos jeden Tag!

Stephen King hat einmal in einem Interview mit George R. R. Martin gesagt, er würde jeden Tag 6 Seiten schreiben und so ginge er seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten vor. Auch in seinem Schreibratgeber “On Writing“ findet sich der Tipp, dass man jeden Tag schreiben müsse. Allerdings bürgt dieser Ratschlag einige Gefahren, die King so nicht bedacht zu haben scheint: Zum einen kann tägliches Schreiben die Schreibfreude rauben und mit einem inneren Zwang ersetzen, weil man nicht jeden Tag motiviert sein wird, sein Pensum zu erreichen, es aber dennoch versuchen wird. Der innere Schweinehund wird sich unentwegt melden und es würde ein Ringen zwischen Faulheit und dem eigenen Verantwortungsgefühl entstehen, wodurch Druck aufgebaut wird, der ebenfalls nicht förderlich fürs Schreiben ist. Zum anderen verkommt Schreiben dann nur noch zu einem Produkt, bei dem es um Masse anstatt Qualität geht, da man sich selbst Ziele von einer bestimmten Anzahl Wörtern/Seiten stecken wird und die zu erreichen, ohne einen Qualitätsverlust hinzunehmen, ist äußerst schwer. Außerdem müssen Handlungen, Charaktere und Entwicklungen in der Geschichte genug Zeit haben, um im Hinterkopf zu reifen, damit man sich nicht in eine Sackgasse schreibt. Wenn man sich aber dazu zwingen würde, wirklich jeden Tag zum Beispiel 1000 Wörter zu schreiben, wie King es macht, bleibt für die arbeitende Bevölkerung kaum mehr Zeit, um die nächsten Handlungsabschnitte zu planen. Auch hier ginge es eher nur darum, eine bestimmte Wort-/Seitenanzahl zu erreichen, als wirklich gut konstruierte und funktionierende Geschichten zu erschaffen. Stephen King mag das möglicherweise schaffen, aber er kann sich auch den ganzen Tag dem Schreiben widmen, während es für die meisten AutorInnen ein großer Traum ist, vom Schreiben überhaupt leben zu können.

Für alle unter uns, die nicht das große Glück haben, ganztägig schreiben zu dürfen, sei der Ratschlag etwas abgewandelt: Richte dir feste Schreibzeiten ein und verteidige sie gegen den Alltag.

#6 Schreibe nur für dich selbst!

Ein Ratschlag, den man leider häufig hört und in früheren Zeiten, in denen es keine telekommunikativen Möglichkeiten gab, war er auch sicher richtig. Man schrieb damals per Hand auf Berge von Papier und konnte nicht sicher sein, ob diese Bündel überhaupt einmal in den Händen fremder Menschen landen. Heutzutage befinden wir uns aber in einem Zeitalter des Vernetzens. Hat man früher noch nicht einmal erahnen können, wie viele Menschen die eigenen Bücher lesen, sind unsere LeserInnen in der heutigen Welt nur einen Klick entfernt. Interaktionen sind durch E-Mails und soziale Medien ebenso ohne Probleme möglich wie ein Buch selbst zu veröffentlichen und LeserInnen zu finden. Aus diesem Grund sind wohl die einzigen Menschen, die wirklich nur für sich selbst schreiben, diejenigen, die ihre privatesten Gedanken in Tagebüchern verewigen. Alle anderen Autoren haben beim Schreiben ihre LeserInnen im Sinn. Wer ein Buch schreibt, ob aus einer Begeisterung fürs Erzählen oder zur Selbsttherapie heraus, und es dann veröffentlicht, sei es über Verlage oder als Self-Publisher, möchte, dass Menschen es kaufen und lesen. Die Wenigsten von uns schreiben ganze Bücher, nur um sie danach als eine Datei auf dem Computer verstauben zu lassen. Deswegen ist der Ratschlag, nur für sich selbst zu schreiben, eher ein Produkt der Vergangenheit, in der Leser noch weit weg waren. Er sollte umgemünzt werden: Schreibe deine Geschichten genau so, wie du sie selbst lesen und lieben würdest.

 #7 Gute Autoren zweifeln nicht an sich.

Aus dem Gegenteil wird ein Schuh draus! Die besten Autoren zweifeln ständig an sich. Immerhin sind Selbstzweifel eine hervorragende Stütze für uns Autoren beim Schreibprozess: sie erstellen beispielsweise bestimmte Qualitätsstandards an einen eigens geschriebenen Text. Nur wenn die Sätze und Absätze diesen Ansprüchen auch genügen, wird er der Öffentlichkeit präsentiert. Durch Selbstzweifel wird man sich außerdem der eigenen Stärken und Schwächen bewusst, sodass man eigene Problemfelder im weiteren Schreibprozess ausbügeln kann. Nur wer sich selbst und die eigenen Texte ständig selbst überprüft, wird in der Lage sein, Fehler zu finden, sie zu verbessern und damit zu einem besseren Autor bzw. Autorin zu werden. Ähnlich wie ein Bildhauer solange auf dem Stein vor ihm klöppelt, bis eine wunderbare Figur daraus entstanden ist, sollten Autoren ihren eigenen Text immer wieder kritisch auseinandernehmen, hinterfragen und ihn solange schleifen, bis ein kleiner Edelstein daraus geworden ist. 

Schreibtipps können eine wunderbare Hilfe sein, wenn man sich im Dschungel des eigenen Schreibens, seiner eigenen Charaktere und Handlungsstränge mal verlaufen hat. Dennoch ist nicht jeder Tipp von Wert und nicht so zu gebrauchen, wie man es erhofft hat. Manchmal sind die Hilfestellungen nicht mehr zeitgemäß, andere Male begrenzen sie eher, als dass sie befreien. Aus diesem Grund ist es ratsam, jeden Ratschlag auf seine individuelle Tauglichkeit zu überprüfen und nicht davor zurückzuschrecken, gut gemeinte Hilfen auch mal auszuschlagen, um andere, eigene Wege zu ergründen.

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