Rücksichtslose Herzlosigkeit

 

 

Grundgedanken & Prota

Bevor der eigentliche Roman besprochen werden kann, sei darauf verwiesen, dass sowohl der Klappentext als auch der Einband eine wichtige thematische Information vorenthalten, die dringend erwähnt gehört: bei diesem Roman ist Suizid ein ganz zentraler Faktor und wird in unterschiedlicher Weise zur Sprache kommen, manchmal beiläufig, andere Male sehr explizit. Dieser Hinweis sei eine Warnung für alle, die mit dieser Thematik, aus welchen Gründen auch immer, ein Problem haben. Da der Verlag aber nicht fair genug ist, Leser auf die intensive Beschäftigung mit dem Thema vorzubereiten, muss dies an dieser Stelle erwähnt werden.

Nun zum Roman:

Leere Herzen erzählt die Geschichte einer nahen Zukunft Deutschlands, die sich kaum von unserer Gegenwart unterscheidet. Vor allem ähnliche politische Konstrukte sind es, die in diesem Roman eine Rolle spielen, sei es die aufsteigende Bewegung von sogenannten “besorgten Bürgern“, dem Abgang von Angela Merkel, Terrorismus und einer Firma, die in vielen dieser Elementen eine Rolle spielt.

Ein Politthriller soll es laut Verlag sein, den Juli Zeh hier abgeliefert hat und auch wenn die politische Note durchaus in vielen Absätzen und Kapitel zu erkennen sein mag, ist von einem Thriller nichts zu spüren. Ob die Bezeichnung des Thrillers verkaufsfördernd wirken oder Lesern den falschen Eindruck verschaffen soll, es würde ein hohes Tempo herrschen, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Fakt ist jedoch, dass zwar einige dramatische Elemente eine Rolle spielen, der Roman aber insgesamt eher einen sozialkritischen Blick besitzt und die derzeitigen politischen Entwicklungen ein wenig weiterspinnt. Dabei hat dieses Gedankenspiel von einem Buch gar kein solches Etikett nötig, steht es doch in wunderbarer Linie mit Juli Zehs anderen Romanen wie Corpus Delicti oder Unterleuten, in denen ebenfalls soziale Fragen gestellt und von den Figuren und der Handlung beantwortet werden.

Im vorliegenden Roman ist es die Firmenbesitzerin Britta Söldner, die im Fokus der Handlung steht. Durch sie lernt der Leser nicht nur die leicht veränderte deutsche Gesellschaft kennen, sondern wird auch noch in die wahren Machenschaften der Firma „Die Brücke“ eingeführt. Auch die moralischen und philosophischen Fragen hinter dem eher dunklen Treiben werden durch sie aufgeworfen. Problematisch zeichnet sich hierbei, dass die Autorin Zeh die Protagonist mit allerlei Intelligenz und klaren Kanten ausgestattet hat, aber gerade die Emotionslosigkeit in Verbindung mit mangelnden moralischen Vorstellungen und Gewissensbissen erschweren eine Identifikation mit ihr. Nicht selten wird man den Kopf schütteln und sich fragen, wie ein derart gefülltes Hirn nur von einem so leeren Herzen angetrieben werden kann. Möglicherweise ein Sinnbild für einen Teil unserer kapitalistischen Gesellschaft, in der manchen Mitgliedern einerseits das eigene Wohl immer wichtiger sein wird als das der Gemeinschaft, andererseits ein höherer Zweck Rechtmäßigkeit für jedes noch so ethisch fragwürdige Mittel bietet. Der Umstand, der Protagonistin noch einen Ehemann und ein Kind zu geben, helfen hierbei nicht, um Sympathie für sie zu empfinden. Es wirkt wie eine Fassade, ein nötiges Grundgerüst, damit sie in der Gesellschaft ungestört ihr Treiben fortführen kann.

Struktur

Anders als in Zehs (zurecht) hochgelobtem Roman Unterleuten bedient sie sich in diesem Werk keiner strukturellen Klimmzüge. Die Handlung läuft stringent von A über B bis hin zu Z und ist dabei stets nah an der Protagonistin Britta. Elemente wie Zeitsprünge oder Rückblenden finden so gut wie keine Verwendung, auch Perspektivwechsel sind nicht im Repertoire aufgeführt. Es ist ein Roman, der sich seiner politischen Komplexität, sowie seiner an Abstrusität grenzenden Prämisse bewusst ist und dabei nicht auch noch handwerklich für Herausforderungen sorgen will.

Sprache

Juli Zeh kann schreiben. Das hat sie vielfach bewiesen. So ist auch in Leere Herzen sprachlich genau das enthalten, wofür Zeh mit ihrem Namen steht: sehr gute Dialoge, knappe und doch präzise Beschreibungen der Umgebungen, dazu ausufernde politisch-philosophische Absätze, in denen man mehr als nur die Figuren erkennt. Auch in diesem Roman entwickelt alleine die Sprache wieder eine solch ungeheure Kraft, das man nur so von Seite zu Seite fliegt und genau im richtigen Maß intellektuell gefordert wird, ohne aber jemals zu angestrengt zu werden. Die Autorin besitzt die Gabe, ihre Figuren und literarischen Grundkonstrukte auf eine Art zu gestalten, die der Perfektion nahe kommen. Da verzeiht man ihr auch eine etwas peinlich wirkende Figur, die sich eines übertriebenen Ethnolekts bedient, der zwar noch realistisch, aber im Vergleich zu den anderen Personen des Romans zu auffällig ist.

Lesegefühl

Vornehmlich dominiert der Eindruck der inhaltlichen Überforderung die Stimmung während der ersten Seiten. Man bemüht sich um eine Form der Orientierung, um die Unterschiede zu dem Deutschland innerhalb des Romans und dem aktuellen zu ergründen, gefolgt von einem gewissen Interesse, mit welcher Art von Firma die Protagonistin ihr Geld verdient. Motiviert durch die Frage, warum eine gewisse Geheimniskrämerei von Nöten ist, folgt dann der Schock, dass sich dieses Buch auf eine ganz bestimmte Form des Terrorismus’ bezieht und dies für eine Kritik an der inneren Verrottung des Menschen, der herrschenden Politikverdrossenheit als auch der politischen Umstände insgesamt benutzt. Dies ist zunächst einmal abstoßend, da der Umgang mit dem Thema Selbstmord so überflüssig erscheint und der Roman ebenso funktioniert hätte, wenn man Menschen zu Mördern werden lässt, die bereit sind, für ihre Sache notfalls zu sterben. So aber entsteht eine emotionale Distanz zur Prämisse dieses Romans, da die Wahl des Kernthemas weder inhaltlich noch moralisch begründbar ist.

Dazu gesellt sich eine erschreckend gewissenlose Protagonistin, die bis zum Ende des Romans nicht im Stande ist, Sympathie zu erwecken. Insgesamt gibt es nur wenige Ankerpunkte für LeserInnen, sich selbst in einigen der Figuren zu sehen oder ihr Handeln auf einer idealistischen Weise begründet zu sehen. Es herrscht ein kaltblütiger, amoralischer Pragmatismus, der völliger Selbstzweck ist und die Vielfalt des menschlichen Handelns stark begrenzt. Leere Herzen gibt es, zweifellos, aber sie als beinahe ausnahmslosen Standard einer Gesellschaft herzunehmen und sie dann auch noch zu instrumentalisieren, ist mehr als fragwürdig.

Dies alles wäre aber unter Umständen sogar noch erträglich gewesen, hätte der Roman wenigstens eine spannende Geschichte zu bieten. Doch auch hier erhält man langatmige und eindimensionale Kost, die einem nach kurzer Zeit bereits zum Halse heraushängt. Man liest zwar weiter — das muss man dem Buch zu Gute halten — aber mehr wegen der sehr guten Sprache und des Interesses, wie die Situation letztendlich aufgelöst wird. Es ist ein Antrieb durch Neugierde, aber nicht durch Lesefreude, insbesondere da das Ende dieses Romans auch noch merkwürdig ruppig und voreilig erfolgt. Als hätte Zeh eine bestimmte Seitenzahl als Vorgabe erhalten und müsste ihr plumpes Gedankenexperiment schnellstmöglich beenden. Dies wird Leser mit einer gehörigen Portion Frust zurücklassen, die sich fragen werden, ob Zeh diesen Roman möglicherweise in einem Anfall an Politikwut geschrieben und dabei unterschätzt hat, wie bierdeckelgroß ihre Geschichte ist.

 

Bewertung

Es erfolgt ein Abzug in der Gesamtwertung für den rücksichtslosen Umgang und der aktiven Verschleierung, das Thema “Suizid“ nicht erwähnt zu haben, obwohl es z.B. im Innentext möglich war und man Lesern ohne Warnung möglichen Triggern aussetzt. Dieser Roman ist kein „packender Politthriller“, sondern ein literarischer Missbrauch suizidaler Menschen für ein pervertiertes Gedankenexperiment. Das ist durch die Kunstfreiheit erlaubt, dennoch unverantwortlich, Menschen mit dem Thema und dessen Umsetzung so zu überraschen.

2/5 Büchereulen.

Buchdetails

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Verlag: Luchterhand Literaturverlag (13. November 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3630875238

ISBN-13: 978-3630875231

Größe und/oder Gewicht: 14,5 x 3,2 x 22,1 cm

Klappentext: „Sie sind desillusioniert und pragmatisch, und wohl gerade deshalb haben sie sich ‎erfolgreich in der Gesellschaft eingerichtet: Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi. Sie haben sich damit abgefunden, wie die Welt beschaffen ist, und wollen nicht länger verantwortlich sein für das, was schief läuft. Stattdessen haben sie gemeinsam eine kleine Firma aufgezogen, “Die Brücke”, die sie beide reich gemacht hat. Was genau hinter der “Brücke” steckt, weiß glücklicherweise niemand so genau. Denn hinter der Fassade ihrer unscheinbaren Büroräume betreiben Britta und Babak ein lukratives Geschäft mit dem Tod.

Als die “Brücke ” unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald sind nicht nur Brittas und Babaks Firma, sondern auch beider Leben in Gefahr…

“Leere Herzen” ist ein provokanter, packender und brandaktueller Politthriller aus einem Deutschland der nahen Zukunft. Es ist ein Lehrstück über die Grundlagen und die Gefährdungen der Demokratie. Und es ist zugleich ein verstörender‎ Psychothriller über eine Generation, die im Herzen leer und ohne Glauben und Überzeugungen ist.“

Kommentar verfassen