Zwischen viel wollen und zu wenig liefern. 

 

 

Grundgedanken

Verinnerlicht man einmal den Klappentext, wird einem sofort die Aktualität der thematischen Verwurzelungen dieses Romans bewusst: Flüchtlinge werden in ein kleines Dorf gebracht, um sich in die Gesellschaft integrieren zu können. Dort entstehen einerseits Interesse an den fremden Kulturen und der Wunsch jenen in Not helfen zu wollen, ein neues Leben beginnen zu können. Größtenteils herrscht aber eine Xenophobie und teilweise sogar blanker Rassismus. Die Bewohner weigern sich, mit diesen fremden Menschen näher in Kontakt zu treten, fürchten den Verlust der eigenen Identität und wollen lieber unter sich sein. Angst vor der Veränderung und dem Unbekannten, gepaart mit der Gleichgültigkeit, warum die Geflüchteten überhaupt ihre eigene Heimat verlassen mussten. Tagesaktueller geht es kaum.

Protagonistin dieses Werkes ist die Ich-Erzählerin Xenia, die aus der Stadt wieder in dieses Dorf kommt, weil sie schwanger ist und auf die Unterstützung durch ihre Mutter hofft. Die Figur der jungen Rückkehrerin ist lobenswert detailliert gelungen und fungiert oftmals nicht nur als Pufferzone innerhalb der Handlung zwischen allen Seiten, sondern ist auch für Leser eine Reflexionsstätte, das Geschehen noch einmal zu überdenken, Befürchtungen und gleichzeitig — durch ihre eigenen Verflechtungen mit den Neuankömmlingen — auch eine nahe Bindung wachsen zu lassen.

Struktur

So simpel die Fokussierung auf nur eine Ich-Erzählerin ist, so wenige Experimente wagt der Autor Poschenrieder auch in seiner Struktur: alle Plot-Etappen werden stringent erzählt, es erfolgt keine Veränderung in der Perspektive. Lediglich einige wenige Ausflüge gedanklicher Art in die Vergangenheit erlaubt der Autor seiner Erzählerin und damit auch den Lesern. Abseits dessen herrscht vor allem Ordnung in dieser Geschichte, die auch nicht durch eine Vielzahl an Orten und Dorfbewohner aufgebrochen werden kann.

Sprache

Auf sprachlicher Ebene handelt es sich bei Kind ohne Namen um ein erstaunliches Beispiel von sich selbst verflüchtender literarischer Qualität. Zu Beginn wird man vom Schreibstil nahezu umgarnt und möchte gar nicht mehr aufhören, den klugen und zackig geschriebenen Sätzen der sympathischen Ich-Erzählerin zu folgen. Dazu gesellt sich eine sprachliche Varianz, die bewundernswert ist und sowohl das Dorf, die Figuren als auch die Situation interessant charakterisiert.

Leider gewöhnt man sich viel zu schnell an diesen Stil und es wirkt schon nach einem Fünftel des Romans, als hätte der Autor sein ganzes Pulver bereits verschossen oder als käme die fortschreitende Handlung seiner literarischen Befähigung in die Quere.

Ein zweites, noch größeres  Problem ist die groteske Fehlentscheidung des Autors bzw. des Verlages, die Dialoge mit den Flüchtlingen in englischer Sprache stattfinden zu lassen und hierfür keine Übersetzung anzubieten. Wer durchschnittliches Schulenglisch beherrscht, wird sich zwar zurechtfinden und vermutlich wenig nachschlagen müssen, trotzdem hätten die Verantwortlichen für dieses Werk einen Hinweis geben müssen, dass Englischkenntnisse von Nöten sind. Besitzt man diese nämlich nicht, wird ein Großteil von dem, was beispielsweise die wichtige Figur des Ahmed sagt, im Verborgenen bleiben, da auch die Ich-Erzählerin meist nur antwortet, das im Gespräch Gesagte aber nicht noch einmal erklärt.

Lesegefühl

Poschenrieders Roman ähnelt in seinem Lesegefühl einem Schichtkuchen: Zu Beginn schmecken die einzelnen Teile ganz vorzüglich und sie lassen die freudige Erwartung wachsen, bis zum letzen Bissen einen Hochgenuss vor sich zu haben. Dieser Eindruck bleibt eine Weile erhalten, aber mit fortlaufender Dauer bröckelt die Begeisterung und aus anfänglicher Euphorie wird ein zwar angenehmes, aber nicht herausragendes Mahl. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig: so ist beispielsweise die Idee, der Geschichte durch den Burgherrn und der um ihn herum gewobenen Handlung eine Art Märchengefühl zu geben, eher von fragwürdiger Natur. Auch der äußert langsame Aufbau vom Eintreffen der Flüchtlinge hin zu ersten Konfrontationen und Eskalationen nimmt zu viel Zeit in Anspruch und es wird immer wieder Momente geben, in denen man fragend innehält, wohin dieser Roman eigentlich möchte und warum er so unschlüssig in Bezug auf die Darstellung des Konfliktes der Einheimischen und Zugezogenen ist. Immer wieder wird man sich wünschen, die Handlung würde doch endlich wieder einmal Fahrt aufnehmen und entscheidende Schritte in Richtung Katastrophe oder Problemlösung unternehmen, anstatt zu stagnieren und keinerlei Fortschritte zu machen. Dies wird jedoch lange verwehrt und so bleibt Kind ohne Namen letztendlich einiges schuldig.

Bewertung: 3/5

Buchdetails

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten

Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (27. September 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3257070004

ISBN-13: 978-3257070002

Größe und/oder Gewicht: 12,3 x 2,5 x 19 cm

Klappentext: „Nach einem Jahr an der Universität kommt Xenia in ihr Heimatdorf am Ende der Welt zurück. Sie ist schwanger, doch niemand soll das wissen. Als ein Dutzend Fremde aus dem Nahen Osten in der Schule einquartiert wird, gerät das Dorf in Aufruhr. Um den Frieden wiederherzustellen, lässt sich Xenias Mutter auf einen verhängnisvollen Handel mit dem gefürchteten Burgherrn ein. Was sie nicht weiß: Sie gefährdet damit das ungeborene Kind.“

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