Wen(n) die Sehnsucht endlos treibt.

 

 

 

Grundgedanken & Prota

Ein junger Mann verschimmelt in einem kleinen Kellerapartment. Er hat kaum Freunde, keine wirkliche Perspektive, ist orientierungslos. Seine größte Leidenschaft ist sein Roman, den er zwischen Phasen der Selbstsuche, des Selbstmitleids und euphorisiertem Schreibwahn auf’s Papier gebracht hat, ohne sich hinterher wirklich daran erinnern zu können.

Benedict Wells’ Spinner ist ein Buch über einen Grenzgänger, der an den eigenen Grenzen zu scheitern droht, weil die Angst, jene Linien zu überschreiten, zu elementar verankert ist. Stillstand ist sicherer als sich zu entwickeln, der Status quo ist der sichere Spatz in der Hand, der einem ungewissen Topf voll Gold am Ende des Weges vorgezogen wird. Stagnation siegt über Fortschritt — sowohl bei den äußeren Umständen als auch im Inneren des Protagonisten.

Gleichzeitig ist es ein Buch voller Leben in der Leblosigkeit des Augenblicks. Man bekommt eine nahezu gescheiterte Existenz geboten, die mehr vegetiert als lebt und das alleine ist die Grundlage dafür, dass kleine Veränderung an den Umständen — die Begegnung mit einer Frau, der Anruf eines Freundes, etc. — das eingefrorene Leben des Protagonisten etwas vom Eis befreit. Rubel geraten ins Rollen, Schneebälle werden zu Lawinen in Momenten, in denen sich die Figur des 20-jährigen Jesper Lier aufrafft, um seinen Sehnsüchten zu folgen.

Lier ist ein Träumer, ein unverbesserlicher Eskapist seines eigenen Handelns und seiner Ausweglosigkeit, in die er sich manövrierte, weil er sich nach vielen Dingen sehnt, vor allem danach, sich selbst zu finden. Er wird in höchster Form sympathisch dargestellt, auch wenn ein Großteil seiner Charaktereigenschaften nicht zu den Attributen gehören, die man normalerweise in einem Haupthelden findet. Jesper Lier ist kein Held in strahlender Rüstung, er ist der ungelenke, kurz vorm Versagen stehende Stiefbruder eines solchen Helden.

Benedict Wells ist sich dieser Ausstrahlung bewusst und zeigt dennoch, wie es möglich ist, einen derart fehlerhaften Träumer, der mehr noch vor sich selbst als vor den Umständen um ihn herum zu kapitulieren droht, derart gestaltet, dass man als Leser Mitleid mit ihm bekommt. Jesper Lier ist ein Paradebeispiel für einen Protagonisten, der durch seine Gedanken, seine Wünsche und Hoffnungen so viel mehr offenbart als auf den ersten Blick erahnbar war. Ja, er ist ein junger Mann, der die Kontrolle über sein Leben verloren hat, aber gleichzeitig steht er mit dieser Orientierungslosigkeit symbolisch für eine ganze Generation, die nach der Identität als Schülerinnen und Schüler erst einmal herausfinden müssen, welche Rolle sie in der echten Welt spielen, in der keine Klassenzimmer mehr die Schutzräume vor der Realität darstellen. Lier ist ein Wanderer auf seiner ganz eigenen Reise und wächst Lesern mit weiterem Voranschreiten der Handlung mehr und mehr ans Herz. Gleichermaßen sind seine Gedanken so vielseitig und tiefsinnig, manchmal analytisch, manchmal emotional, dass man das Gefühl bekommt, man würde ihn mit fortlaufender Seitenzahl nicht nur kennenlernen, sondern würde selbst ein Teil der Lier’schen Welt.

Sprache

Wells’ Roman ist auf sprachlicher Ebene schwer zu greifen: Es handelt sich um ein stetiges Wechselspiel zwischen kaum fordernden Absätzen, teilweise derber Verwendung von Umgangssprache mit Textstellen, die die eigene Magengrube mit ihrer Schwere in tiefe seelische Abgründe ziehen. Manches mal plätschert die Sprache nur so vor sich hin, nur um dann unerwartet von Sätzen unterbrochen, die den Leser zum Stocken bringen, zum Durchatmen zwingen und sich in das Herz bohren, als hätte Wells die Silben mit einem Zielsucher ausgestattet. Dies sorgt in der tristen Welt, in der Jesper Lier lebt, für Akzente, durch die man immer weiter in den Roman gesogen wird, weil nicht nur die Figur mehr und mehr zu berühren weiß, sondern auch die Sprache zu einem Faktor der Rührung wird.

Struktur & Fokus

In seiner Struktur spiegelt sich die Einfachheit der Sprache und die Leblosigkeit des Protagonisten: sie ist stringent, wenig überraschend und das muss sie auch nicht sein, da der Eindruck erschaffen wird, man wäre direkt zu Beginn des Romans in das schäbige Apartment von Lier geladen worden und verfolgt von da an als eine Art Geist sein Leben.

Hiervon gibt es nur wenige Ausbrüche, etwa wenn die vierte Wand durchbrochen wird und die Hauptfigur Jesper zu der Leserschaft von Wells’ Roman spricht. Von diesem erzählerischen Instrument wird allerdings nicht häufig Gebrauch gemacht. Vielmehr taucht es in stetigem Wechsel mit den eingeschobenen, manchmal als Alpträume erzählten Erinnerungen der Hauptfigur an seinen Vater auf. Beides nimmt in diesem Roman eher eine untergeordnete Rolle ein und stört den Lesefluss nicht.

Lesegefühl

Spinner ist einer dieser Romane, die in seinen einzelnen Komponenten wenig aufregend erscheinen: ein orientierungsloser junger Mann, der offensichtlich gescheitert ist, quält sich durch sein Leben, stets auf der Suche nach mehr, das seine Einsamkeit mit etwas füllt, das ihn glücklich macht. Eine simple Geschichte, die in dieser kurzen Beschreibung sicherlich dutzende, wenn nicht hunderte Male bereits auf tausende Seiten gebannt wurde. Und doch gelingt Wells, die Komponenten zu etwas verschmelzen zu lassen, das bleiben wird — im Gedächtnis der Leser.

Der Hauptgrund hierfür dürfte in der nahezu perfekten Konstruktion der Hauptfigur liegen, die einen in ihrem begrenzten Handlungsspielraum manches Mal derart in den Wahnsinn treibt, dass man ihr zuschreien möchte, er solle sich endlich aufraffen. Aber das wäre nicht Jesper Lier und gerade das macht die Figur derart menschlich. Lier ist ein Gefangener in seinen eigenen Komplexen, in den Zwängen einer Gesellschaft, die mehr von ihm erwartet, während er sich umringt von Menschen fühlt, die mit weniger mehr schaffen, als er jemals in der Lage wäre. Er ist ein Getriebener ohne den Antrieb, die Spitzen menschlichen Schaffens zu erreichen. Er will schreiben, eine erfüllende Identität in einer Welt, die an ihm vorbeirauschte und ihn zu überrunden droht.

Man begleitet diese Figur beim Lesen und schließt sie ins Herz. Sie wird zu diesem Freund, der so viel Potenzial hat, es aber nicht abrufen kann, dem man aber alles Glück der Welt wünscht. Der Roman bietet mit diesem Spinner einen Protagonisten, der alleine in der Lage ist, das Treiben des Romans in sich zu vereinigen und das Buch zu tragen.

So ist es auch entschuldbar, dass einige der Handlungen nicht bis kleinste Detail durchdacht sind, manche der Interaktionen etwas Seifenopfer-Flair versprühen und die anderen Figuren in einigen Szenen etwas wenig Beschäftigung finden. Spinner gibt dem Leser so viel mehr, dass derartige Abstriche nicht ins Gewicht fallen. Nicht zuletzt ist es Benedict Wells gelungen, eine derart überzeugende und den Leser wohl kaum mehr verlassende Figur zu erschaffen, wie man es sonst nur selten erlebt. Hermann Hesses “Demian” fällt als Vergleich ein und das dürfte wohl sowohl für Wells als auch für Jesper Lier eine Adelung sein.

Bewertung: 5/5 Lese-Eulen

Buchdetails

 

Gebundene Ausgabe: 208 Seiten

Taschenbuch: 320 Seiten

Verlag: Diogenes; Auflage: 4., New edition (24. August 2016)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3257243847

ISBN-13: 978-3257243840

Größe und/oder Gewicht: 11,5 x 2,4 x 18,4 cm

Klappentext:

„»Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.«
Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin. Ein tragikomischer Roman über Freundschaft, das Ringen um seine Träume und über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen.”

Link zum Buch   *[Werbung]

 

Vergleichbare Bücher:

Freaks

Vom Ende der Einsamkeit

Elsa ungeheuer

 

 

 

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4 thoughts on “Rezension: Spinner von Benedict Wells (Diogenes Verlag)”

  1. Hi Sven,
    eine sehr schön geschriebene Rezension, und auch ausführlich, so wie ich es mag 😉 Den Roman werde ich mir mal zu Gemüte führen, ich lese und kenne zu wenig gute deutschsprachige Autoren. Ich bin sehr anglophil veranlagt und lese fast nur im englischen Original (zur Zeit, aber das soll sich auch ändern!).
    Coole Referenz an “Freaks” von Joey Goebel, das hab ich vor Jahren gelesen und fand es ziemlich toll.
    Was sind denn deine deutschsprachigen Lieblingsautoren?
    Lg, Sabine

    1. Hey Sabine:)
      Freut mich, dass die dir Rezension so gut gefallen hat und sie dich sogar dazu bringt, Wells mal eine Chance zu geben:) Anglophil bin ich auch, von daher bin ich da gerne offen, wen du da gerne liest und welche Buchempfehlungen du hast:)?
      Ich mag Urs Uhlmann, Ingrid Noll, Sybille Berg, Hermann Hesse, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Stefan Zweig, Franz Kafka, Juli Zeh, Thomas Mann und andere:) Je nach Stimmung bieten die alle wirklich schöne Lesestunden:)! Wenn einem nach einer Herausforderung ist, sollte man Mann, Berg, Hesse, Kafka und Zeh probieren:) Wenn man tolle Geschichten haben möchte, ohne literarisch komplett überfordert zu werden eher Dürrenmatt, Uhlmann, Frisch und Zweig 🙂
      LG, Sven 🙂

      1. Super, danke! Mit den Klassikern kenne ich mich (auch ein bisschen gezwungenermaßen) durch mein Studium aus, aber auch da hab ich immer lieber die Engländer, Amerikaner und Franzosen gelesen, haha.
        Daher werde ich mich jetzt mal den aktuellen Autoren widmen, Juli Zeht steht schon lange auf meiner Liste, und den Wells und den Uhlmann werde ich mir auch mal genauer anschauen.
        Stefan Zweig und Arthur Schnitzler liebe ich auch sehr. Ich habe auch mal zwei Monate in Wien gelebt und war ein bisschen auf den Spuren meiner Idole. 😉

        1. Arthur Schnitzler bin ich in meinem Studium auch begegnet:)! Denke heute noch gerne an Leutnant Gustl zurück und will unbedingt mal eine Stream-of-consciousness-Geschichte schreiben, auch wenn das recht schwer werden wird 😁

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