Was ist kreatives Schreiben? — Es ist eine uralte Frage, die vermutlich bereits so lange existierte, seit die ersten Menschen anfingen, nicht mehr nur zur Informationsbewahrung zu schreiben, sondern aus Vergnügen eigene Geschichten erzählen wollten und die schriftlich festhielten, um sie auch mit anderen Menschen teilen zu können.

Die eine Seite dieser Diskussion bezeichnet diese Art des Schreibens als ein reines Handwerk wie so viele andere und stellt SchriftstellerInnen dabei neben Tischler und Zimmermänner,  während andere die schreibende Zunft bei den Malern und Bildhauern verordnen und Schreiben als eine Kunstform bezeichnen. 

Es ist eine undurchsichtige Situation, da beide Seiten verständliche Argumente für ihre Ansichten vorbringen können, die auch im Folgenden erwähnt werden. Dennoch soll in diesem Beitrag einmal eine Gegenüberstellung mit einem abschließenden Urteil erfolgen, in welche der Kategorien das Schreiben zugeordnet werden kann. Hierfür werden zuerst allgemein gültige Definitionen für die einzelnen Begriffe genannt und ein Bezug zum geschriebenen Wort hergestellt. Dabei wird überprüft, in wie weit die gängigste Definition zum eigentlichen kreativen Schreiben passt. Zum Schluss erfolgt jeweils eine abschließende Bewertung.

Viel Vergnügen!

Anmerkung: Definitionen eines Begriffes gibt es viele, unabhängig davon wie gewöhnlich oder exotisch das zu definierende Wort ist. Menschen nutzen hierfür gerne allgemeines Wissen und vermischen es mit eigenen Ansichten und Erfahrungen, um eine individuelle Definition herzustellen. Dies wäre dem folgenden Beitrag aber wenig dienlich, da man so kaum auf ein Resultat käme, das anders lauten würde als “ist Definitionssache”. Aus diesem Grund wurde für diesen Beitrag der Duden ausgewählt, um den begriffen “Handwerk” und “Kunst” eine Bedeutung und Beschreibung zu geben. 

Schreiben = nur Handwerk? 

Der Duden definiert “Handwerk” als „[selbstständige] berufsmäßig ausgeübte Tätigkeit, die in einem durch Tradition geprägten Ausbildungsrang erlernt wird und die in einer manuellen, mit Handwerkszeug ausgeführten produzierenden oder reparierenden Arbeit besteht“. Die wichtigsten Elemente dieser Definition sind wohl, dass Handwerker ihre Arbeit mittels einer traditionellen Ausbildung erlernen, sie manuell mit Werkzeugen ausüben und etwas herstellen/reparieren. Dem kann man allerdings aufgrund der Art der Definition hinzufügen, dass diese Ausbildung nicht durch etwas begrenzt ist, jeder kann also das Handwerk erlernen, indem man diese Ausbildung durchläuft.

Trifft das aufs Schreiben zu?

Größtenteils. Es ist zwar zweifelhaft, ob man einen Computer, einen Notizblock oder eine Schreibmaschine als typisches Handwerkszeug mit einem Hammer oder einem Schleifgerät vergleichen kann und auch eine durch Tradition geprägte Ausbildung für das kreative Schreiben gibt es nicht. Dennoch kann man Dank jüngster Entwicklungen und einem immer größer werdenden Bedarf, nicht zuletzt auch weil das Veröffentlichen durch das Internet einfacher geworden ist, kreatives Schreiben in Deutschland sowohl an Fernunis wie der SGD als auch an den Universitäten in Hildesheim und Leipzig studieren.

Ein großes Problem ist jedoch die stark limitierte Anzahl an Plätzen in Hildesheim und Leipzig, die jeweils zwischen 20 und 25 Plätze vergeben, es sich aber zwischen 300 und 600 (je nach Uni) Interessierte bewerben. Da herrscht großer Konkurrenzdruck, überhaupt einen der Plätze ergattern zu können. Da diese Form der universitären Ausbildung allerdings neu und einem Trend geschuldet ist und auch bereits viele Jahrhunderte vorher erfolgreich Bücher – man denke nur an die großen Autoren der deutschen Sprache wie Schiller, T. Mann, A. Seghers, etc – geschrieben wurden, ist die Notwendigkeit des Studiums fragwürdig. Dennoch besteht zumindest in der Theorie die Möglichkeit, im kreativen Schreiben ausgebildet zu werden und das mit dem Ziel, eigene Bücher schreiben zu können. 

Trotzdem kommt man nicht umher, bei dem Wort “Handwerker“ eher an die Berufe der Tischler, Schreiner, Schmiede oder Zimmermänner zu denken, aber nicht an AutorInnen. Gleiches gilt auch für den Vergleich zwischen einem Tisch, den man zweifelsohne als Resultat eines handwerklichen Prozesses sieht, und eines Buches, das zwar auch in einem langen Arbeitsvorgang entstanden, aber dennoch bei der Frage “Was stellt typischerweise ein Handwerker her“ eher seltener genannt werden würde.

Das ist außergewöhnlich, denn sowohl HandwerkerInnen als auch AutorInnen fertigen ihre Resultate manuell und sicherlich mit dem Wunsch, sie möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen und zweifelsohne hat beides einen gesellschaftlichen Nutzen und Wert. Dennoch scheint kreatives Schreiben nicht deckungsgleich mit der Herstellung z.B. eines Tisches zu sein. Aber woran liegt das?

Die Erlernbarkeit ist der Schlüssel. Während es einfacher ist, einem Menschen beizubringen, wie man etwas handwerklich herstellt, da hierbei eher ein Nachahmen gefordert ist, ist die Grundlage kreativen Schreibens die eigene Vorstellungskraft und die Fähigkeit, den Bildern mit Worten einen Unterbau zu geben. Sobald es hierbei an einem von beiden minimal mangelt, fällt es sehr schwer, sich eigene Geschichten auszudenken und die lebhaft zu gestalten. Speziell LehrerInnen werden berichten können, dass es (nicht wenige) SchülerInnen gibt, die Probleme damit haben, eine Geschichte aus dem Nichts zu erschaffen und dabei eher verunsichert bis frustriert sind. Ihnen fehlt im Grunde der exakte Schreibplan, wann sie was zu schreiben haben, den es beispielsweise bei der Anfertigung einer Analyse gibt.

Man kann dies an der Stelle mit dem Malen vergleichen: Gibt man Menschen ohne viel Vorstellungskraft Malen nach Zahlen, können diejenigen, die andere Talente als Kreativität besitzen, zu einem Resultat kommen, eben weil sie einem genauen Plan folgen können. Gibt man denselben Personen aber mehrere Farben und lässt ihnen freie Hand über das Resultat, wird lange Zeit Leere herrschen, was man denn malen könnte. Selbst wenn sie dann etwas malen, werden sie eher auf ihre Erinnerung an andere Bilder zurückgreifen, die sie bereits vorher gesehen haben, und denen nacheifern, anstatt etwas völlig Neues zu schaffen. Ihnen fehlt es an Kreativität und Vorstellungskraft, die beides Elemente sind, die sich im Inneren der Menschen selbst entwickeln und trainiert werden müssen, wodurch diese Art des Schreibens schwerer erlernbarer ist, als z.B. das Abschleifen eines Holzblocks. Aus diesem Grund wird das Schreiben auch eher selten bis nie bei der Aufzählung eines typischen Handwerks genannt, da man AutorInnen aufgrund der schweren Erlernbarkeit und besonderen Voraussetzung ihrer Tätigkeit anders einordnet als traditionelle Handwerksberufe.

Kreatives Schreiben ist schlichtweg mehr als ein Prozess der Nachahmung oder dem Befolgen strikter Regeln. Eigenschaften wie die eigene Vorstellungskraft, Kreativität, eigene Erfahrungen, Gespür für Worte, Wortschatz, etc sind es, die über die durchaus vorhandene handwerkliche Komponente des Schreibens hinausgehen. 

Daher deutlich: Kreatives Schreiben = ausschließlich Handwerk? Nein. Da fehlt etwas. 

Schreiben = Nur Kunst?

Auch hier sei zuerst die Definition des Dudens bemüht: Kunst ist beschrieben als„schöpferisches Gestalten aus den verschiedensten Materialien oder mit den Mitteln der Sprache, der Töne in Auseinandersetzung mit Natur und Welt.”

Auf den ersten Blick wird sich ein Großteil der AutorInnen in dieser Definition wiederfinden. Mit anderen Worten ist Kunst also ein Prozess, der etwas aus dem Nichts erschafft und hiermit einen kulturellen Wert besitzt, da das Geschaffene sich mit der Welt, in der es erzeugt wurde, auseinandersetzt. Es besitzt eine Wichtigkeit nicht aufgrund eines alltäglichen Nutzens wie z.B. ein Holzlöffel, sondern weil es Menschen auf intellektueller Ebene dienlich ist, ihren Horizont erweitert und ihr Inneres anspricht.

Trifft dies auf das Schreiben zu?

Ganz klar: ja. 

Wer schreibt, gestaltet nicht nur seine Sätze und Buchseiten, sondern auch auf inhaltlicher Ebene die Figuren, Welten und Geschehnisse. Auch das Gleichnis eines Schöpfers ist zutreffend, da AutorInnen etwas Neues erschaffen, indem sie auf ihre eigene Vorstellungskraft zurückgreifen und leere Seiten durch die Verwendung von (besonderer) Sprache füllen. Die angesprochene Auseinandersetzung mit der Natur und der Welt ist ebenfalls in jedem Buch zu finden, da bewusst oder unbewusst auf kulturelles oder explizit naturwissenschaftliches Wissen Bezug genommen wird, sei es durch die Beschreibung von Umgebungen, Personen, Bevölkerungen, geschichtliche Ereignisse oder zwischenmenschliche Interaktionen. Selbst in Büchern, die in fernen Universen spielen, gibt es unendlich viele Anleihen, die es in abgewandelter Form auch in der realen Welt gibt. 

Auffällig für diese Definition ist übrigens, insbesondere im Vergleich zu der Vorherigen, dass von einem schöpferischen Gestalten die Rede ist und nicht von einer traditionellen Ausbildung. Dies unterstreicht, dass Handwerk etwas Erlernbares ist, während Kunst keiner typischen Formel folgt und eher Resultat eines inneren Prozesses als äußeres Beibringen ist. 

Aber wie passt die vorher festgestellte teilweise Nähe zum Handwerk nun zur völlig bestätigten Definition von Schreiben als Kunst? Worin unterscheiden sich letztendlich Künstler und Handwerker?

Handwerker sind damit beschäftigt aus einem bereits existierenden Material einen Gegenstand herzustellen, der einen Nutzen für die Gesellschaft besitzt. Sie schleifen, frisieren, polieren, beizen, hämmern und verändern etwas so sehr, bis es brauchbar für den Alltag wird. Künstler hingegen haben stets eine weiße, blanke Arbeitsfläche und erschaffen daraus etwas Einzigartiges, das einen kulturellen Wert besitzt. Es soll erfreuen, anecken, herausfordern, begeistern, unterhalten, rühren und/oder zur Interpretation anregen. Es ist ein Werk, das nicht auf den ersten Blick greifbar sein muss, sondern mehrschichtig sein kann. Ein Tisch wird immer ein Tisch bleiben, egal welche Farbe oder Größe er hat, während der Inhalt einer Buchseite immer etwas Eigenständiges sein wird, das sich gänzlich von dem eines anderen Buches unterscheidet.

Der Grund für diese Einzigartigkeit liegt in den Produzenten der Kunst selbst: während es weltweit unzählige Menschen gibt, die aufgrund ihres handwerklichen Geschicks einen Alltagsgegenstand herstellen können, wird man keinen zweiten Franz Kafka, keinen Lessing und keine Herta Müller finden. KünstlerInnen sind aufgrund ihrer individuellen Fähigkeiten im Bereich des kreativen Denkens, Einfallsreichtums und Talents, außergewöhnlich und nicht kopierbar. Bereits existierende Werke mag man nachstellen oder vervielfältigen können, aber keinesfalls ein neues Werk so kreieren, wie es der Künstler oder die KünstlerIn gemacht hätte. 

Aber trotzdem scheint auch bei der Betrachtungsweise, kreatives Schreiben als reines Resultat eines künstlerischen Prozesses zu sehen, etwas zu fehlen. Eine einzigartige Vorstellungskraft zu besitzen, hilft zwar dabei, einen Schreibvorgang auf kreative Weise zu tätigen, aber was nützt ein tobender, wild wuchender und unerschöpflich phantasievoller Geist, wenn die zu beschreibenden Ideen und Bilder nicht richtig und ansprechend verpackt werden können? Was hilft ein großer Einfallsreichtum, wenn man nicht in der Lage ist, die richtigen Worte zu finden, Figuren zu formen oder eine zusammenhängende, logische und überzeugende Geschichte erzählen zu können? Kurz: was nützt all die Kreativität ohne die Elemente eines Buches wirklich schreiben und zusammenfügen zu können?

Daher: Kreatives Schreiben = ausschließlich Kunst? Nein! Auch hier fehlt etwas!

 

Schreiben = Beides?

Wer nicht zuerst lernt, einen Schritt vor den anderen zu setzen, wird nie fähig sein, einen Marathon zu laufen. Ähnlich verhält es sich auch beim Verhältnis von Handwerk und Kunst: ohne das eine ist auch das andere nicht möglich.

Für das kreative Schreiben als Kunstform bedeutet dies, dass man zuerst einmal lernen muss, wie man Laute zu Worten verbindet, diese in einen sinnigen Zusammenhang in einem Satz anordnet, nur um danach zu verstehen, wie längere Textabschnitte miteinander verbunden werden. Das wiederum führt zur Fähigkeit, mehrere Seiten zu schreiben und bildet die Grundlage dafür, irgendwann das eigene Buch in den Händen halten zu können. Hinzukommt noch das Wissen um Spannungsaufbau, Dramatik, Figurenbildung, rhetorischer Mittel, Meta-Sprache, Genrestandards, etc.

Erst wenn man dieses Grundgerüst, also das Handwerkszeug des Autors/ der AutorIn, beherrscht, ist man in der Lage, den theoretischen Gedanken und Bildern im Kopf einen praktischen Raum zur Entfaltung zu geben. 

Kreatives Schreiben besteht immerhin aus zwei Worten: kreativ und schreiben. Beides steht in direkter Verbindung zueinander. Es herrscht eine Abhängigkeit, denn ohne Kreativität wird man keine Geschichten schreiben können und ohne zu wissen, wie man schreibt, bleibt die Fantasie im eigenen Geist gefangen, ohne sie anderen Menschen zugänglich zu machen. 

Die Diskussion darum, ob kreatives Schreiben nun ausschließlich Handwerk oder Kunst ist, kann somit als überflüssig bezeichnet werden, denn beide Seiten haben Unrecht. Kreatives Schreiben ist ein Kunsthandwerk und eine Handwerkskunst zugleich! Welche von beiden Seiten mehr Gewichtung für uns Autoren hat, ist jedem selbst überlassen, solange nicht versucht wird, die beiden Worte voneinander zu trennen. Beide gehören zusammen und bilden eine Einheit, die zur Grundlage dessen gehört, warum wir Bücher seit Jahrhunderten schreiben und lieben.

 

 

 

Was ist eure Meinung? Wie definiert ihr kreatives Schreiben? Was überwiegt: Handwerk oder Kunst? 

Schreibt mir gerne, ich bin gespannt :)! 

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