Wenn Leben kommen und gehen

 

 

Grundgedanken & Protas

Es geschieht nicht äußerst häufig, dass ein Buch keinen Menschen zum Ankerpunkt einer Geschichte macht, sondern einen Ort in den Mittelpunkt stellt und die Figuren auf wenigen Seiten und unterschiedlichen Geschichten dort eine kurze Zeitspanne erleben lässt. Tim Krohn beschreitet aber genau diesen außergewöhnlichen Weg und hat sich den schweizerischen Ort “Vals” ausgesucht.

Vals ist in den Schweizer Alpen gelegen und aufgrund seiner Landschaften, sowie seines Thermalbades geeignet, um als Bühnenbild ein Potpourri an menschlichen Leben darzustellen, die allesamt aus unterschiedlichen Motiven und mit noch verschiedeneren emotionalen Grundeinstellungen anreisen. Sie alle verbringen dort mehr oder weniger angenehme Urlaubstage und am Ende einer jeden Geschichte verlassen sie den Ort ebenso wieder so zügig, wie sie angereist sind, als seien die Figuren nichts weiter als Schneeflocken auf einem Gipfel, die vom Wind des Lebens angeweht und wieder vertrieben werden.

Nachts in Vals ist eine Sammlung von insgesamt 9 Geschichten, die Krohn in Vals selbst als Zimmerlesungen angeboten hat, daher haben die Geschichten und der Autor nicht nur einen fiktiven Bezug zueinander, sondern Krohn kennt den Ort und hat die Erzählungen an anderen Gästen ausprobiert, bevor sie den Weg in diese knappe Anhäufung an unterschiedlichsten Lebensstationen gefunden haben. Auffällig ist hierbei, dass lediglich der Ort und seine Beschaffenheit selbst als einzige Konstante in jeder Geschichte eine Rolle zugeteilt wird, während die Figuren von Erzählung zu Erzählung variieren.

 

Sprache

Die Sprache der unterschiedlichen Erzählungen ist vor allem darin besonders, dass sie stets dezent distanziert wirkt. Sie ist nicht übermäßig emotional oder versucht durch Effekthascherei auf wenigen Seiten schnell zu einer Bindung des Lesers an die Figuren beizutragen. Im Gegenteil: man lernt die meisten Figuren kaum genauer kennen und oftmals beherrschen Beschreibungen von Handlungen das sprachliche Bild. Hierdurch wird der Eindruck erschaffen, dass nicht nur die Leser als passive Beobachter — Beisteher sozusagen — Teil der 9 Nächte in Vals werden, sondern auch die Sprache lediglich von außen auf die Figuren schaut, ohne sie wirklich selbst zu berühren.

 

Struktur & Fokus

Viele der Geschichten sind nur wenige Seiten lang und sind so aufgebaut, dass man als Leser wie bei einer Kamera in die jeweilige Situation geworfen wird, kaum Erklärungen zu den handelnden Figuren bekommt und sie schlicht stumm dabei beobachtet, wie ihre Leben in diesem einen Moment aufgebaut sind. Der Fokus liegthierbei einerseits darauf, in welchem Zustand sich die Figuren auf persönlicher und emotionaler Ebene befinden, andererseits ihre Reaktionen auf den Kurort Vals selbst.

 

Lesegefühl

Jede neue Geschichte bedeutet automatisch auch eine Neuorientierung: die Figuren verändern sich ebenso wie die Lebensumstände mit denen sie angereist sind und auch das Beziehungsgeflecht muss neu austariert werden. Gleiches gilt auch für das Verhältnis von den Lesern zu den neuen Figuren. Es ist ein längeres Herantasten von Nöten und genau da gerät die Sammlung an Geschichten an ihre Grenzen: die Seitenzahl ist mit knapp 128 Seiten so kurz für 9 Geschichten bemessen, dass man sich oft kaum an die neue Situation gewöhnt hat und schon wird sie von der aufgehenden Sonne und damit dem Wechsel des Kapitels wieder unterbrochen.

Eine wirkliche Bindung zu den Figuren fällt so sehr schwer, da sie meist für eine zu kurze Verweildauer in der Sammlung eine Rolle spielen. Gerade weil es mehr als ein Dutzend Figuren sind, denen man so begegnet, verwischen Grenzen zwischen den einzelnen Charakteren und am Ende der Sammlung wird man arge Probleme haben, sich überhaupt an einen Namen oder eine Situation korrekt erinnern zu können.

Krohn macht den Leser durch diese Vorgehensweise zu einer Art Rezeptionisten in Vals, der alle paar Seiten neue Gäste sieht und je mehr Zeit vergeht, umso mehr verwandeln sich individuelle Personen in einen matschigen Brei aus unterschiedlichen Erinnerungen. Das kann einem gefallen und ist in seiner Form sicher dem Fakt geschuldet, dass er diese Geschichte besonders kurz halten musste, um sie auf privaten Zimmerlesungen auch in Gänze vorstellen zu können.

Dennoch kann man sich auch an diesem geringen Kontakt zu den Figuren, den teilweise austauschbaren Rollen, die sie spielen, und auch an der Bedeutungslosigkeit der einzelnen Geschichten stören. Hinterher wird man nicht drumherum kommen, sich selbst zu fragen, ob diese Sammlung wirklich den eigenen Horizont erweitert oder man sich im Grunde nur stumpf unterhalten hat lassen. Da die Erzählungen selbst auch meist nur eine Lebenssituation einiger Figuren zeigt, ohne deutliche oder unterschwellige Sozialkritik, überwiegt wohl der Eindruck, eine etwas fade Folge an Erzählungen beigewohnt zu haben, bei denen man emotional ebenso schnell abreist, wie es die Figuren aus dem Ort Vals tun.

Bewertung: 3/5

Buchdetails

 

Taschenbuch: 128 Seiten

Verlag: Diogenes; Auflage: 2 (26. April 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3257243898

ISBN-13: 978-3257243895

Größe und/oder Gewicht: 11,1 x 1,5 x 18 cm

Klappentext:

„Vals – ein malerisches Dorf in den Schweizer Alpen. Das berühmte Thermalbad und die atemberaubende Landschaft haben sie alle hergelockt: das frischverliebte junge Paar, den erfolgreichen Banker, die alleinerziehende Mutter mit ihrer kleinen Tochter, den berühmten Schriftsteller. Für alle Figuren in diesen Erzählungen von Tim Krohn gilt: Die Tage, und vor allem die Nächte, die sie in Vals verbringen, werden ihr Leben verändern.”

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