Zwischen Fronten gefangen

 

 

 

Grundgedanken & Protagonist

Lässt man den Klappentext von Die Treibjagd eine Weile auf sich wirken, entspinnen sich sofort turbulente Wild-West-Szenarien: zwei Clans stehen sich gegenüber und ein einzelner Mann zwischen ihnen, hinzu gesellt sich eine angedeutete Liebesgeschichte, die Shakepeares Romeo und Julia zum Verwechseln ähnlich erscheint, da die Hauptfigur des Romans einer der Clantöchter heftige Avancen macht und das Feuer der Ausgangslage dieses Werkes noch weiter anheizt.

Antonin Varenne ist es, der diesen in den französischen Wäldern situierte Western-Geschichte geschrieben hat, die zu Beginn stark ihre eigene Identität verheimlicht. Es handelt sich in Wahrheit nicht etwa um eine Erzählung um Rache oder dem dramatischen Überlebenskampf zweier Clans, sondern es ist eine — im Kern — simple Kriminalgeschichte: Eine Leiche wird entdeckt und von dem Zeitpunkt an, werden unterschiedlichste Wege verfolgt, um herausfinden zu können, warum ein Mensch sein Leben lassen musste. Selbstredend spielen die Clans hierbei ebenso eine Rolle wie auch die Hauptfigur.

Trotz dieser vermeintlichen Berechenbarkeit, wirkt der Roman insbesondere zu Beginn eher wie eine Charakterstudie. Wenig deutet auf den Kriminalfall hin, es erscheint eher eine Geschichte zu sein, die von einem multiplen Außenseiter handelt, der sich in einer Gesellschaft zurechtfinden will, die er lange Zeit mied und die ihn sicherlich nicht vermisst hat. Es geht um das Alleinsein, die Frage nach der eigenen Identität und der Bewältigung einer gewalttätigen Vergangenheit, die sichtbare Spuren hinterlassen hat.

Der Protagonist dieses Romans ist hierbei durchweg außergewöhnlich: Remi, ein Revierjäger, ist halbseitig stark vernarbt, hat eine Stahlplatte im Kopf und ein Einzelgänger, der sich in seiner Waldhütte wohler als in Gesprächen mit anderen Menschen fühlt. Er ist abgestumpft aufgrund seiner Erfahrungen, besitzt kaum Gefühle, die er auszuleben im Stande ist und sprudelt emotional daher emotional ebenso häufig über wie ein stillgelegter Fluss. Dennoch fesselt diese Figur bereits auf den ersten Seiten, was in direkter Verbindung mit der Vielzahl an Makeln liegt, die ihr inne wohnt. Als Mittelpunkt eines Konflikts zweier Clans, die ihn beide am liebsten beseitigen wollen und als Einsiedler, dessen eigene Familie bereits durch die Konflikte zerstört wurden, bleibt einem kaum eine Wahl, als Sympathien für Remi zu entwickeln.

Insbesondere sein Sinn für Gerechtigkeit und seine Bedürfnislosigkeit in einer Welt voller Gier und zweifelhaften Charakteren, die sich um beinahe alles streiten und an allem verdienen wollen, lassen Leser den Glauben an die Menschheit bewahren. Gleichzeitig wird Remi nie zu einem strahlenden Helden in einer dunklen Umgebung. Er selbst hat genug Schatten in sich, die er nur zu gerne nach außen trägt.

Sprache

Die Sprache dieses Romans zu beschreiben, ist eine undankbare Aufgabe. Einerseits blüht sie nicht gerade vor rhetorischen Blumen auf, aber sie ist auch nicht als simpel zu bezeichnen. Sie mag zwar auf syntaktischer Ebene nicht gerade überfordern, aber Varenne gelingt die Besonderheit, mit den Genrestandards zu spielen, Erwartungshaltungen der Leser auszutricksen und meisterlich das zu vermeiden, was andere Autoren darbieten würden. Varenne ist sich zu jedem Zeitpunkt darüber bewusst, dass er eine Verschmelzung eines literarischen Romans mit einem Kriminalfall begeht und besitzt auf jeder Seite die volle Kontrolle, welches der beiden Elemente er mehr sprachlichen Spielraum einräumt. Zwar würde man sich hierbei ab und an eine andere Gewichtung wünschen, aber das schlägt nicht negativ zu Buche.

Struktur und Fokus des Romans

Die Treibjagd bedient sich eines strukturellen Tricks, der beim unaufmerksamen Lesen zu kurzer Verwirrung führen können: Die Kapitel sind nicht zwingend stringent aufeinander aufgebaut, sondern nutzen Zeitsprünge und vermeintliche Foki-Änderungen, um für mehr Spannung bei gleichzeitiger Charakterentwicklung zu sorgen. So kommt es vor, dass von einem Kapitel zum anderen nicht etwa die Handlung weitergetrieben wird, sondern Ausflüge in die Vergangenheit erfolgen, um zunächst wenig bedeutsam zu erscheinen, aber letztendlich doch einige interessante Zusätze zur Gesamthandlung beitragen und den Figuren etwas mehr Ecken und Kanten geben zu können.

Lesegefühl

Zu Beginn des Romans sucht man vor allem eines: Orientierung. Die Ausgangssituation ist nicht nur deswegen verworren, da zwei große Familienclans aufeinandertreffen, deren Fede schon seit Jahrzehnten besteht, sondern auch der Protagonist hat eine ausufernde Beziehung zu beiden Seiten. Dazu gesellen sich noch vergangene wie auch zukünftige Konflikte, die allesamt im ersten Drittel des Romans aufgeworfen und abgearbeitet werden. Es erfordert einiges an Geduld und einen wachen Geist, um diese teilweise überladen wirkende, aber eine versteckte Struktur besitzende, Konstruktion zu durchschauen.

Hat man aber Konsequenz bewiesen und sich durch das Gestrüpp der Grundsituation gewunden, entwickelt der Roman mit jeder fortschreitenden Seite eine überraschende Sogwirkung. Hat man die ersten Seiten noch eher mit einem mittelmäßigen Interesse gelesen und fühlte sich beim gesamten ersten Drittel an einigen Stellen etwas alleine gelassen, steigt die Lesemotivation danach immens an. Gleichermaßen wächst die Bedeutung von Remis Treiben inmitten krimineller Clans, für die er nichts weiter als ein Störfaktor ist, und insbesondere die spürbare Schlinge, die sich um Remi und seinen Ermittlungen in einem Mordfall immer enger um seinen Hals legt, sind hervorragende Antriebe, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen. Hinzu gesellt sich die wunderbare Sprache, die ebenfalls motivierenden Charakter besitzt.

Aus diesem Grund ist es beinahe schade, die Geduld der Leser im ersten Drittel überhaupt provoziert zu haben. Hätte man sich für ein Straffen oder eine deutlich stringentere Erzählweise entschieden, die gerne in den restlichen zwei Dritteln zerfasern hätte können, wäre der Einstieg in die Geschichte erleichtert und man hätte sich früher begeistert Seite und Seite um die Ohren geschlagen. So bleibt letztendlich ein lohnendes und außergewöhnliches Leseerlebnis, das durch den Beginn einen kleinen Schattenfleck bekam, obwohl der Roman ansonsten derart viel Licht bietet, dass man sich jederzeit gerne erneut in Varennes Hände begeben wird.

Bewertung: 4/5

Buchdetails

Taschenbuch: 304 Seiten

Verlag: Penguin Verlag (13. Juni 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 332810156X

ISBN-13: 978-3328101567

Originaltitel: Battues

Größe und/oder Gewicht: 12,2 x 2,5 x 18,5 cm

Klappentext:

„Zwei rivalisierende Familien kämpfen seit Generationen um die Herrschaft über ein gottverlassenes Nest im Massif Central. Die Courbiers und die Messenets führen ihre Provinzimperien mit harter Hand und unter rücksichtsloser Ausbeutung von Mensch und Natur. Rémi Parrot, der seit seiner Jugend entstellte Revierjäger, kämpft als einsamer Cowboy gegen die verkrusteten Clanstrukturen und um die Liebe der schönen Michèle Messenet. Als er einem Umweltskandal auf der Spur ist, beginnt eine mörderische Treibjagd durch düstere Wälder und unterirdische Tunnelsysteme. Fein gesponnener, archaischer Thriller um Schuld und Sühne vor der grandiosen Kulisse einer einstmals erhabenen Landschaft.”

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Vergleichbare Bücher:

Der zweite Reiter

Das Verschwinden des Adele Bédeau

Der Nebelmann

 

 

 

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