Bleib lieber KINDERlos

 

 

Grundgedanken & Prota

Bereits das Cover dieses Buches weckt einige Erinnerungen an Filme vergangener Jahrzehnte — wie z.B. Das Dorf der Verdammten oder The Children — in denen Kinder Teil und Akteure so mancher Horrorfilme waren. Diese Art der Assoziation ist natürlich vom Verlag genau so gewollt, da die blutrote, leicht verwaschene Schrift einen Kontrast mit den grauen Kinderfiguren bietet, die sich an den Händen halten und eine Mauer zu bilden scheinen. Es soll Interesse wecken, doch stellt man sich damit bereits selbst eine Falle: durch die offenkundige Reminiszenz entsteht auch eine Erwartungshaltung, der Roman würde mehr bieten als den Plot, den man sich bereits beim Titel und dem Gedanken an Horrorfilmen denken kann. Auch der Klappentext tut hier sein Übriges, um eine filmische Atmosphäre zu schaffen, in der ein Psychologe auf eine blutüberströmte Frau trifft und einen der „rätselhaftesten Fälle seiner Karriere“ lösen muss.

Jener Klappentext ist es auch, der suggeriert, die Hauptfigur dieses Romans sei in dem Psychologen Robert Winter zu finden. Dies entpuppt sich jedoch als fahrlässiger Trugschluss, da die Erzählung zu großen Teilen von der gefundenen Frau Laura Schrader dominiert wird und Winter nichts anderes als ein blasser und erschreckend charakterloser Stichwortgeber ist, der in dieser Welle an Informationen regelmäßig untergeht — Kurz: er besitzt keine Bedeutung. Das wäre allerdings kein großer Verlust, wenn die wahre Hauptfigur überzeugend oder zumindest besser ausgearbeitet wäre. Doch auch hier findeen sich, ebenso wie bei allen anderen Figuren, keinerlei Andockstellen und Sympathiewerte, die man als Leser nutzen kann, um mit den Figuren mitzufühlen und sich für ihre Handlungen, sowie auch ihre Schicksale zu interessieren. Da die charakterliche Ausarbeitung der meisten Figuren ebenso farblich komplex wie schwarz-weiß-Filme ist, fällt es schwer, eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Letztendlich wird man sich dabei ertappen, wie man in absolute Gleichgültigkeit verfällt, wer die Figuren sind und was sie erleben. Zwar ist beim Genre des Thrillers nicht immer eine charakterliche Tiefe zwingend gefordert, wenn die Handlung überzeugt und ein hohes, erzählerisches Tempo herrscht, in dem mehr agiert als reflektiert wird, doch muss man den Autor Wulf Dorn schon fragen, wie man es fertigkriegt, die Akteure noch gesichtsloser zu gestalten als die Kinder auf dem Covereinband.

Struktur & Fokus

So simpel die Idee dieses Romans auch ist — und sie ist sehr simpel — so überflüssig kompliziert ist die Struktur: ständige und häufig sinnlose, weil nicht erklärbare und durch die Handlung nicht nachvollziehbare Wechsel der Perspektiven geben sich die Hand mit Kapiteln, die sich von der Hauptumgebung des Romans verabschieden und fremde Gebiete auf der ganzen Welt zeigen. Nur die wenigsten dieser Perspektivänderungen sind durch die Handlung des Romans notwendig, keine davon bieten einen Mehrwert. Die Einschübe aus dem Rest der Welt sorgen über lange Zeit zusätzlich für Verwirrung und selbst wenn man das „große“ Rätsel am Ende des Romans gelöst hat, wird man nur schwer drumherum kommen, die Vorgehensweise des Autors als Versuch anzusehen, dem mangelhaften Inhalt eine besondere Note zu geben.

Sprache

Die Sprache dieses Romans ist, ebenso wie die Struktur, von mangelnder Brillanz gezeichnet: Sie verfügt über keinerlei Esprit, keine Finesse und zwingt LeserInnen viel zu häufig dazu, Genre-typische Phrasen immer wieder und wieder lesen zu müssen. Ständig hat man das Gefühl, einzelne Sätze und teilweise ganze Absätze bereits in anderen Thriller schon einmal gelesen zu haben. Würde man als Trinkspiel jedes Mal, wenn einen dieser Eindruck beschleicht, einen Schluck nehmen, würde man vermutlich schon nach dem ersten Drittel um Gnade flehen.

Auch die bildlichen Motive, die Dorn zu erschaffen versucht, scheitern an einer nahezu tölpelhaft-simplen Wortwahl in Verbindung mit Satzkonstruktionen, die man von unerfahrenen Schreibschülern erwarten würde, nicht aber von einem langjährigen Autor. Zusätzlich krankt die Sprache dauerhaft an einer gewissen Distanz zum Geschehen und einer inneren Langeweile, als hätte nicht einmal die Welt selbst Interesse an dem, was sich in ihr abspielt. Es handelt sich schlichtweg um eine unterdurchschnittliche Vorstellung, die zu weiten Teilen langweilt und es regelmäßig versäumt, selbst in Momenten, die Spannungspotential bieten, eben jenes auch auf verbaler Ebene zu bieten. Ein sprachlich scheußlicher Schund.

Lesegefühl

Ähnlich wie die Figuren dieses Romans sind Leser mit der Aufgabe konfrontiert, sich in der chaotischen Struktur zurechtzufinden, die weder für eine außerordentliche Spannung noch für inhaltliche Weiterentwicklung sorgt, sondern reiner Selbstzweck ist. Man ertappt sich während des Lesens regelmäßig dabei, die gewählten Zeitsprünge, sowie die Orts- und Perspektivwechsel in Frage zu stellen, da sie nichts zum Roman beitragen außer für Verwirrung zu sorgen. Handwerklich gelingen die wenigsten der Verknüpfungen, oftmals wirken die Veränderungen wahllos, als hätte ein Amateur ein neues, die eigenen Fähigkeiten übersteigendes Kochrezept gesehen und wollte es unbedingt einmal ausprobieren.

Schnell drängt sich ein Verdacht auf, der sich durch den gesamten Roman zieht und final doch eine Erklärung für die Struktur bietet: bei ihr handelt sich um eine verzweifelte Verschleierung, einer erschreckend (!) vorhersehbaren Handlung ein komplexes Korsett zu geben, das von der Einfallslosigkeit des Inhalts ablenken soll. Jedes Element, jede „Wendung“, ja sogar der Ausgang dieses „Thrillers“ ist zu 100% vorhersehbar. Hierzu muss man weder besonders viel Erfahrung im Thriller-Genre oder ein außergewöhnliches Maß an Intelligenz besitzen; es reicht völlig aus, in jeder Situation die naheliegendste und teilweise billigste Fortführung im Sinn zu haben, um den Roman völlig zu entschlüsseln.

Sogar die interessant gedachte — aber handwerklich miserabel ausgeführte Sozialkritik* (Spoiler-> siehe ganz unten) — verpufft in diesem Beispielwerk an kreativer Tristesse, spannungslosem Geplänkel, gesichtslosen Figuren ohne jede Bedeutung für den Leser und einer belanglosen Handlung. Schlimmer noch: die absolut berechtigte Sozialkritik wird als Schein missbraucht, um eine Berechtigung für die miserablen Inhalte zu geben. Das wiederum führt zu Logikabgründen in der Tiefe des Marianengrabens, sodass man letztendlich nicht sicher ist, ob der Roman auf Probleme aufmerksam machen wollte und daran auf jeder Ebene scheiterte oder ob es eine fixe Idee war, die es in den Roman schaffte und ebenso für Komplexität sorgen sollte wie die überflüssig-chaotische Struktur. In jedem Fall hat Wulf Dorn vor allem Autoren einen Dienst erwiesen: er zeigt deutlich auf, wie man es nicht machen sollte.

Bewertung: 1/5

Buchdetails

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Heyne Verlag (4. September 2017)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3453270940

ISBN-13: 978-3453270947

Größe und/oder Gewicht: 13,7 x 3,2 x 20,8 cm

Klappentext: „Auf einer abgelegenen Bergstraße wird die völlig verstörte Laura Schrader aus den Trümmern eines Wagens geborgen. Im Kofferraum entdecken die Retter eine grausam entstellte Leiche. Als die Polizei den Psychologen Robert Winter hinzuzieht, wird dieser mit dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere konfrontiert: Die Geschichte, die Laura Schrader ihm erzählt, klingt unglaublich. Doch irgendwo innerhalb dieses Wahnkonstrukts muss die Wahrheit verborgen sein. Je weiter Robert vordringt, desto mehr muss er erkennen, dass die Gefahr, vor der Laura Schrader warnt, weitaus erschreckender ist als jeder Wahn.“

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*Wen die angesprochene Sozialkritik interessiert, sei sie in diesem gesonderten Spoilerteil kurz erzählt:

SPOILER:

Die Prämisse der Sozialkritik umfasst, dass Kinder auf der ganzen Welt auf widerlichste Weisen von Erwachsenen behandelt und misshandelt werden. Dies wird in einigen Kapiteln auszugsweise dargestellt, indem sie Szenen in anderen Ländern zeigen, in denen es z.B. Kinderprostitution gibt. Als Reaktion auf diese Sozialkritik werden die (unbeteiligten) Kinder in Deutschland in diesem Roman zu Massenmördern und beschließen, alle Erwachsenen umzubringen, weil Erwachsene es sind, die Kindern Unrecht antun auf der Welt. An der Stelle endet der Roman im Grunde und beschäftigt sich nicht mit den Konsequenzen dieser hanebüchenen Begründung für die Taten.

Es gibt daher keine Antwort auf die Fragen:

– Woher wissen diese Kinder vom Leid der anderen Kinder in fernen Ländern?

– Wie synchronisieren sich alle Kinder gleichzeitig aufs Töten der Erwachsenen?

– Wenn alle Erwachsenen der Welt tot sind, was ist dann?

– Werden die Kinder nicht wieder zu Erwachsenen, weil sie doch altern?

– Wiederholt sich der Kreislauf dann nicht?

– Oder altern die Kindern nicht und können sich demnach nicht fortpflanzen?

– Würde so nicht die Menschheit aussterben?

– Moral? Was konnten die getöteten Figuren für das Unrecht auf der Welt?

– Etc.

 

 

 

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