Als Autoren sind wir einem gewaltigen Druck ausgesetzt, von dem unsere LeserInnen meistens nichts mitbekommen und schon gar nicht mitbekommen sollten: es wird von uns erwartet, dass wir ein gutes Buch schreiben, es möglichst zeitnah zu den anderen Büchern veröffentlichen, mindestens ebenso sehr begeistern wie vorherige Werke und natürlich wird man unser Schreiben wie auch dessen Qualität mit anderen Autoren vergleichen. Das ist normal und durchaus motivierend, denn es treibt uns an, stets nach den Sternen zu greifen, immer das Beste aus uns und unseren Geschichten herausholen zu wollen und niemals zu stagnieren. Stillstand ist Gift für uns, denn wir sind ErzählerInnen und ebenso wie die Geschichten selbst müssen auch wir uns entwickeln.

Dennoch können diese Erwartungshaltung und die innere Anspannung Überhand nehmen, sodass die frühere Motivation ähnlich eines Sees umkippt und zur unansehnlichen, inneren Brühe wird, die feindlich für unsere Kreativität ist — kurz: es bauen sich Ängste auf, den Erwartungen und dem Druck nicht gerecht zu werden, was unsere Schreibprozesse beeinflussen, sie sogar lähmen kann. 

Versagensängste sind nicht selten Teil des kreativen Schaffensprozesses, unabhängig wie selbstbewusst man als AutorIn ist und wie häufig sie auftreten. 

Dieser Blogbeitrag soll einmal einige Gründe für eben solche Ängste nennen und dann auch Ratschläge geben, wie man sie reduzieren, vielleicht sogar ganz loswerden kann. Dabei ist zu beachten, dass die Ursachen so individuell wie jeder Autor und jede Autorin selbst sein kann, daher erheben die folgenden Punkte keinen Anspruch darauf, eine vollständige Liste zu sein.

Woher kommen Versagensängste? 

Erwartungsdruck gegenüber LeserInnen 

Wenn man in einen Supermarkt geht, ein paar Früchte mit dem schwer verdienten Geld kauft, erwartet man, dass jede einzelne Frucht reif und schmackhaft ist. Ähnlich bei Büchern: wenn LeserInnen sich dazu entscheiden, ein Buch zu kaufen, erwarten sie keine mittelmäßige oder gar unterdurchschnittliche Unterhaltung, sondern eine ausgereifte, wunderbare “Ware”. Immerhin haben sie dafür Geld gezahlt. Diese Tatsache kann dazu führen, dass man sich selbst unter Druck setzt, die LeserInnen keinesfalls enttäuschen zu wollen. Immerhin ist jedem bewusst, dass wenn man seine LeserInnen einmal mit einem schlechten Buch vergrätzt hat, sie in der Regel auch nicht wiederkommen werden, es sei denn man hat bereits einige herausragende Bücher veröffentlicht, sodass man das schlechte Buch für Ausschussware halten könnte. Aber selbst dann wäre zumindest das eiserne Grundvertrauen beeinträchtigt. Ein Umstand, den es unbedingt zu vermeiden gilt!

Innere Erwartungshaltung 

Als AutorIn hat man immer mal wieder das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Ob vor der Familie, Freunden, näheren Bekannten, sich selbst oder sogar Unbekannten: man will zeigen, dass man in der Lage ist, die eigene Idee in Worte zu fassen und damit ein ganzes Buch zu füllen. Das klingt an und für sich sehr einfach, aber ein Buch zu schreiben, egal ob Kurzgeschichte, Theaterstück, Novelle oder Roman, ist kein leichtes Unterfangen. Der Weg zur eigenen Veröffentlichung ist lang, steinig und bietet viele Stellen, die einen zum Aufgeben bringen können. 

Darunter befindet sich auch die innere Erwartungshaltung. Kommt man während des Schreibprozesses nicht weiter, weil man den Aufwand, die Charaktere, die Handlung selbst nicht richtig eingeschätzt hat oder weil die eigenen Qualitätsmerkmale nicht erfüllt werden können, kann es dazu kommen, dass man stark an sich und den eigenen Fähigkeiten zweifelt. Selbst wenn man einiges davon durch eine gründliche Struktur und eine Pause, in der man sich ausschließlich mit der Planung beschäftigt, noch auffangen kann, scheint insbesondere das Qualitätsproblem nahezu unüberwindbar: wenn das eigens Geschriebene schlicht und ergreifend nicht gut genug ist, um dem zu genügen, was man vorher im Kopf hatte, entsteht ein solche innere Enttäuschung, die sich dann mit dem Gefühl kreuzt, nicht nur versagen zu können, sondern sogar versagt zu haben.

Frühere Werke

Hat man ein Buch veröffentlicht und erhält positive, vielleicht sogar begeisterte Kritiken, Rezensionen und Leserstimmen, ist man an der Spitze des Glücksolymps. Es gibt kaum ein besseres Gefühl als für die monatelange Arbeit gelobt zu werden und zu sehen, dass die aus dem Nichts erschaffenen Worte und Seiten jemanden glücklich machen. Dann aber steht das nächste Buch an. Natürlich ist man voller Vorfreude zu Beginn und kann es kaum erwarten, in die neuen Welten und Figuren einzutauchen, allerdings kann es sein, dass die positiven Rückmeldungen im Hinterkopf bleiben und dafür sorgen, dass man sich selbst unter Druck gesetzt fühlt, den Erfolg erneut zu erreichen und die LeserInnen keinesfalls zu enttäuschen. Ein tolles erstes Buch kann daher auch für Probleme sorgen, weil immer der Gedanke mitspielen wird, dass man ähnliche Höhen erreichen und die LeserInnen genauso begeistern möchte. Aber ob man es wirklich schaffen wird, bleibt bis zur Veröffentlichung ein Rätsel und kann für Unsicherheit sorgen, die — in gesteigertem Maße — eine Angst auslöst, den gestellten Ansprüchen nicht zu genügen.

Zeitdruck 

Schreiben ist ein aufwendiger Prozess. Von der ersten Idee hin zu groben Figurenentwürfen, Plotentscheidungen und dem tatsächlichen Schreibbeginn bis hin zur letzten Seite können Monate, gerne auch einmal Jahre vergehen. Ein gutes Buch will Weile haben und muss vielschichtig durchdacht werden. Hinzu kommen auch noch mehrere Überarbeitungsphasen, die ebenfalls Zeit (und vor allem Nerven) kosten. Während diese lange Periode zwischen dem ersten Ideenfunken bis zum fertigen Werk für Autoren Schreibzeit bedeutet, ist es für LeserInnen Wartezeit. Letztere wollen das neue Werk so schnell wie möglich in den Händen halten und erneut in den Welten und Situationen versinken, die man sich ausgedacht hat. Diese Begeisterung und Vorfreude ist großartig für uns Autoren! Gleichzeitig können sie Stress hervorrufen, weil man LeserInnen nicht vor den Kopf stoßen möchte und sich so dem Druck ausgesetzt sieht, das eigene Buch, das eigentlich wie ein guter Wein reifen muss, schneller voranzutreiben, damit sich LeserInnen nicht abwenden. Damit geht allerdings einher, dass man die gewohnte Qualität möglicherweise nicht mehr leisten kann, was erneut, wie zuvor beschrieben, zu Problemen führen und die Befürchtung zu versagen bestärken kann.

Wie wird man diese Ängste los?

Zuerst einmal muss man sich bewusst werden, dass Versagensängste ein inneres Problem sind. Dies mag banal klingen, aber wenn man erst einmal erkannt hat, dass man dieses Gefühl selbst auslöst und es nicht von Außen gegeben/ beigebracht wird, ist man bereits einen Schritt weiter und kann sich dann mit der Lösung dieses Problems beschäftigen. 

Die folgenden Vorschläge sind genau das: Vorschläge. Sie können kein Allheilmittel oder der heilige Gral sein, noch haben sie die Kraft für spontane Selbstheilung, weil jeder Autor und jede Autorin individuell ist und Versagensängste aus unterschiedlichen Komponenten zusammengesetzt sind, die auch ineinander über gehen können. Daher können die folgenden Punkte lediglich eine grobe Richtung vorgeben, wie man Versagensängsten den Kampf ansagen kann.

Selbstreflexion I – Ursachenforschung

Es ist von immenser Bedeutung für die Bekämpfung der Versagensängste sich darüber klar zu werden, was sie genau auslöst. Woher kommt der Stress? Sind es Personen, die einen mit ständigen Fragen unter Druck setzen oder macht man sich selbst verrückt? Sollte Letzteres der Fall sein, muss man sich fragen, ob man an den eigenen Fähigkeiten zweifelt, mit dem eigenen Schreiben/dem neuen Buch wohl fühlt oder ob man die Richtung überdenken sollte. Auch hier könnte man noch weitere Fragen stellen, sodass man wirklich dazu gezwungen wird, über sich nachzudenken und die eigenen Ängste so kleinteilig wie nur möglich zu ergründen.

Hat man dies getan und eine ganze Liste mit Antworten erhalten, ist ein wichtiger Schritt geschafft, denn dann kann man anfangen, jede Quelle der Verunsicherung zu überprüfen, ob sie überhaupt berechtigt ist. Dies sollte bestenfalls mit nahestehenden Personen geschehen, die auch das eigene Schreiben kennen — da man, wenn man erst einmal in dieser Spirale der Versagensängste steckt, nur schwer selbst einen objektiven Blick auf die eigenen Qualitäten wahren kann. In diesem Gespräch sollte man überprüfen, ob die eigene Wahrnehmung wirklich richtig ist oder ob sie durch eine innere Stimme negativ beeinflusst wurde. Auf diese Art kann man nach und nach ein allumfassendes Bild bekommen, wie die eigenen Versagensängste entstehen, was die eigenen Probleme sind und woran man arbeiten müsste, um wieder mehr Vertrauen in sich und die eigenen Fähigkeiten zu erlangen.

Selbstreflexion II – Stärken

Versagensängste haben zwar unterschiedliche Ursachen — wie bereits gezeigt —  sie haben aber alle gemeinsam, dass man sich zu sehr mit dem “wenn/falls” und nicht mit dem “ist” beschäftigt. Was bedeutet das?

Ängste dieser Art zeichnen Autoren Bildern des Scheiterns, wie ihre eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen und sie unter dem Druck zusammenbrechen. Hierbei werden die Visionen so häufig und so stark, dass man sich ihnen ergeben und vor ihnen weglaufen möchte. Dabei wäre genau das Gegenteil nötig! Man muss sich dieser Angst stellen, ihr mutig entgegen treten. Aber wie soll das gehen? Indem man über sich selbst und die eigenen Stärken reflektiert! Immerhin will die Versagensangst weismachen, man sei unfähig, könnte nichts und es wäre wahrscheinlich, dass man scheitern würde. Daher muss man genug Argumente finden, die für das eigene Schreiben, das eigene Können und die eigene Ideen sprechen. Wenn man herausfindet, was man beim Schreiben sehr gut kann, welche Aspekte/Genres/Teile des Schreibprozesses einem liegen und die Lücken, in denen man noch Verbesserungspotential sieht, offen erkennt, um stetig zu einem besseren Autoren beziehungsweise einer Autorin zu werden, nimmt man der Versagensangst die Angriffsfläche. In dieser Hinsicht ist die Versagensangst ein kleines Monster, das die Schwächen der Autoren hemmungslos erkennt und sie ausnutzen will. Wenn man dem aber die eigenen Stärken gegenüber stellt und die Schwächen minimiert, wird sich die Versagensangst immer seltener melden und an ihrer Stelle wird ein Gefühl von “ich schaffe das” treten.

Lob ernst nehmen

Jeder Autor und jede Autorin weiß: Lob ist der Honig, der unsere von Selbstzweifeln angekratzten Rachen heilt und uns neue Kraft gibt. Aber selbst wenn wir 1000 Lobhudeleien bekämen, würden uns zwei-drei kritische Stimmen trotzdem treffen und wir würden uns eher damit beschäftigen, wodurch die vielen Lobbekundungen in den Hintergrund rücken. 

Warum ist das so? Warum nehmen viele AutorInnen Kritik ernster als Lob?

Weil wir während unseres Schreibens so oft an uns, unseren Fähigkeiten, Texten, den Ideen und Figuren zweifeln, dass jede Form von Kritik genau in diese schmerzhafte, immer offene Wunde etwas Salz hineinschüttet. Lob hingegen mag zwar wie ein Pflaster wirken, das diese Wunde zwar lose überdeckt, aber Kritik reißt das Pflaster ab und schon fängt es wieder an zu brennen. 

Doch genau das ist falsch, wenn man seine Versagensängste besiegen möchte! 

Man muss endlich anfangen, Lob dieselbe Gewichtung zuzugestehen, wie man sie der Kritik gönnt. Lob ist mehr als nur ein loser Papierfetzen; es sollte Balsam für unsere Autorenseelen sein, der uns immer wieder einen kleinen Selbstvertrauensschub gibt von dem wir dann — während des folgenden — zehren können. Positive Urteile über das eigene Werk sind nicht einfach nur Nettigkeiten, sondern besitzen mindestens ebenso Relevanz wie kritische Stimmen. Diese mit einer vergleichbaren Ernsthaftigkeit zu behandeln und sie nicht als unwichtige Freundlichkeit abzutun, ist sehr schwer für selbstkritische AutorInnen, aber dennoch wichtig, um Versagensängste in den Krieg bekommen zu können. Immerhin braucht man das Lob, denn es bildet die Stützweiler unseres Autorenhauses, während der Angstwolf von draußen heftig pustet und nichts besser fände, als wenn es einstürzen würde. 

Von Kritik lernen

Bedeutet der vorherige Punkt aber, dass man jegliche Kritik ignorieren und sich nur auf die positiven Stimmen verlassen sollte? Keineswegs!

Es geht viel mehr darum, Lob und Kritik eine neue Betrachtungsweise zu geben und sie anders zu gewichten: Wenn ein Funke an Kritik in der Lage ist, einen Wald voll Lob auszulöschen, dann gibt man der Kritik zu viel Macht. Beides ist wichtig, sowohl die positiven als auch die negativen Reaktionen. Während man vom netten Feedback lernen kann, was die eigenen Stärken sind, erfährt man durch negatives Feedback eventuell, in welchen Bereichen noch Verbesserungspotential herrscht. Vorausgesetzt die Kritik wurde sachlich, gut begründet und nicht nur auf emotionaler Ebene vorgetragen. Von einem “gefällt mir nicht” oder “find ich scheiße” kann man nichts lernen und solche Kommentare sollte man ignorieren, da man sich dann auf einer Geschmacksebene befindet und jeder weiß, dass Geschmäcker verschieden sind. Vernünftige Kritik kann hingegen aufzeigen, welche schreiberischen Problemzonen besitzt, die man dann ausmerzen kann, um die eigenen Fähigkeiten auszuweiten und soweit es geht zu perfektionieren. 

Gespräch mit Gleichgesinnten

Versagensängste sind furchtbar. Sie lähmen, lassen das Selbstvertrauen bröckeln und flüstern unentwegt Dinge ins Ohr, die zu nichts als zu Verzweiflung führen können. Sie sind kleine Biester, die man auf keinen Fall zu lange ignorieren darf, denn sie werden selten kleiner, wenn man glaubt, sie einfach nicht beachten zu können. Besser wäre es, ihnen direkt entgegen zu treten und sich über die eigenen Stärken sowie auch Schwächen bewusst zu werden. Das kann alleine geschehen oder im Gespräch mit näheren Bekannten. Und wenn alle Stricke reißen und man das Gefühl hat, dass einen die Versagensängste auffressen, gibt es noch eine letzte Möglichkeit: andere AutorInnen. Niemand wird so gut verstehen können, was für negative Gedanken sich unter gewissen Umständen in einem AutorInnenkopf ausbreiten, als diejenigen, die selbst von diesen Biestern heimgesucht werden. Daher sollte man sich keinesfalls für diese Ängste schämen, sondern aktiv den Dialog suchen. Wofür ist man sonst Teil der Autorengemeinschaft und hat tolle Kollegen und Kolleginnen?

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