Eine immer wieder an AutorInnen gestellte Frage dreht sich darum, wie wir es schaffen, uns diese ganzen Geschichten und vor allem lebensecht wirkenden Figuren auszudenken, mit denen man als LeserIn mitleidet und sich mit ihnen identifizieren kann. Eine der wichtigsten Grundvorraussetzungen, um eben genau das bewerkstelligen zu können, wird im Fokus dieses Blogbeitrages liegen: Empathie. 

Zuerst wird einmal geklärt, was man genau unter dem Begriff verstehen kann, gefolgt von einer längeren Erklärung, welche Bedeutung dieses Wort für uns AutorInnen besitzt, warum es wirklich eine Wunderwaffe ist und was ohne sie fehlen würde.

Da man aber nicht davon ausgehen kann, dass jeder Mensch ohne Übung gut darin ist, empathisch zu handeln, wird ein Bereich dieses Blogbeitrages davon handeln, wie man Empathie trainieren kann, um die eigenen Schreibfähigkeiten auszubauen und so zu einem besseren Autor beziehungsweise einer besseren Autorin zu werden!  

Viel Vergnügen! 

Was ist Empathie?

Ganz allgemein formuliert beschreibt das Wort “Empathie” die „Bereitschaft und Fähigkeit [eines Menschen], sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“ (Duden). Es handelt sich also bei einem empathischen Menschen um jemanden, der sowohl fähig ist, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen, als auch noch den Willen mitbringt, eben genau das zu tun, vornehmlich um andere Personen und ihre Meinungen besser verstehen zu können. 

Diese erste Definition kann allerdings noch erweitert werden, denn es geht nicht nur darum, sich in andere Menschen und ihre Ansichten einzufühlen, sondern auch Ereignisse, Gedanken und innere Werte aktiv nachempfinden zu können, beinahe so als würde man sie selbst am eigenen Leib erleben. 

Warum ist Empathie wichtig für AutorInnen? 

Die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich vorstellen zu können, was sie fühlen, denken oder sie gerade bewegt, ist insbesondere für das Schreiben von größter Wichtigkeit. Zum einen hilft ein gut ausgeprägtes Empathievermögen dabei, Figuren auszuarbeiten und sie so realistisch und vielschichtig zu gestalten, dass sie glaubwürdig wirken. 

AutorInnen müssen die schwierige Aufgabe meistern, sich nicht nur in eine andere Person einzufühlen, sondern in einen fiktiven Charakter, den man selbst völlig frei gestalten kann. Diese Ausarbeitung unterschiedlicher Charakterzüge und Weltansichten entsteht dann, indem man sich vorstellt, wie sich die Figur fühlen oder was sie denken könnte, basierend auf einer Vorgeschichte und eines kulturellen Hintergrundes, den man ebenfalls selbst festgelegt hat. Je besser und genauer man hierbei vorgeht, umso vielschichtiger wird der Charakter einer Figur und damit umso nachvollziehbarer für die späteren LeserInnen.

Empathie ist hierbei die Grundvorraussetzung, um sich überhaupt in einen nur im eigenen Kopf existierenden Menschen hineindenken zu können und die Figur so zu modellieren, dass LeserInnen sie für echt halten. 

Um einmal zu zeigen, für welche typischen Fragen AutorInnen Empathie zur Ausarbeitung von Figuren und deren Charaktere benutzen, seien hier einmal einige aufgeführt, die man sich sowohl bewusst als auch unterbewusst stellt: 

Was bewegt die Figur? 

Was könnte sie mögen/interessieren, was nicht? Warum?

Welche inneren Werte hat sie warum? 

Wie hält sie von beziehungsweise auf welcher Seite steht sie beim Thema X?

Mit wem würde sie sich warum verstehen? Mit wem nicht?

Wo kommt die Figur her, was für einen Einfluss könnte das auf sie gehabt haben?

Wie würde sich die Figur in welcher Situation fühlen?

Wovor könnte sie sich fürchten? Was könnte sie begeistern?

Während alle diese Fragen relevant für die Planung des Charakters und der inneren Einstellungen einer Figur sind, spielt Empathie zum anderen auch eine Rolle im weiteren Handlungsverlauf, wenn die Ausarbeitung abgeschlossen ist und der eigentliche Schreibprozess bereits begonnen hat:

Hierbei muss man als AutorIn nicht nur stets die Kontrolle darüber behalten, wie sich die Figuren in die Handlung verhalten, sondern auch im Blick haben, dass ihre Reaktionen und Aktionen, sowie ihre non-verbalen wie auch verbalen Beiträge in einem Gespräch zu den jeweiligen Charakteren passen. Das ist doppelt schwer, da man einerseits mit der eigenen Erwartungshaltung an die Figur schreibt, andererseits auch noch im Hinterkopf haben muss, wie LeserInnen die Figur bisher empfunden haben.

Typische Fragen, die sich AutorInnen hierbei stellen (sollten), sind: 

Wie fühlt sich Figur X in dieser Situation? 

Was könnte sie denken? 

Wie steht sie zu den beteiligten Figuren? 

Was sagt sie warum? 

Was treibt sie an, was will sie? 

Wie könnte sie auf welchen Handlungsverlauf reagieren?

Warum reagiert sie, wie sie nunmal reagiert?

Ohne Empathie keine Sympathie!

Je mehr Empathiefähigkeit ein Autor beziehungsweise eine Autorin besitzt, umso besser kann man sich in die jeweilige Figur, ihre Gedanken, ihr Innenleben und auch in ihre Weltanschauungen hineinversetzen. Das ist insbesondere wichtig, weil es nur so möglich ist, Figuren zu erschaffen, die echt wirken und LeserInnen von sich überzeugen können.

Ohne das Gefühl, die Handlungen und Probleme eines echten Menschen zu lesen, wird es LeserInnen schwer fallen, sich für sie zu interessieren oder Mitgefühl zu empfinden. Kurz gesagt: Mangelt es AutorInnen an Empathie, mangelt es Figuren an Sympathie. (Anm.: eine längere Erklärung über den Unterschied zwischen Empathie und Sympathie folgt unter dem eigentlichen Beitrag.)

AutorInnen, die nicht in der Lage oder nicht willens sind, sich viele Gedanken um die Ausarbeitung und die Handlungen ihrer Figuren zu machen, werden immer nur blasse Charaktere erschaffen, die eher wie durchsichtige Abziehbilder, anstatt wie plastische, reale Menschen wirken. Man bekommt beim Lesen dann stets das Gefühl, als sei die Figur zu eindimensional und würde auf 1-2 Charakterzüge beschränkt, sodass sie lediglich eine Rolle in der Geschichte spielt, aber keine Bindung zu den LeserInnen erzeugen kann. 

Doch woran liegt das?

LeserInnen nutzen ihrerseits ebenfalls ihre Empathiefähigkeit. Sie tun es, um sich in die Figuren hineindenken zu können und wenn es in den Figuren nicht viel zu entdecken geht, weil ihre Charaktermerkmale auf einen münzgroßen Zettel passen würde, entsteht keine Bindung zwischen LeserInnen und den handelnden Akteuren — der Tod für jedes Buch.  

Empathie, der Muskel der Imagination

Doch was ist nun, wenn es AutorInnen gibt, die sich zwar gerne in andere Menschen hineinversetzen würden, um eben ihre Figuren und Geschichten aufzuwerten, aber die Fähigkeit für Empathie nicht sonderlich ausgeprägt ist?

Die gute Nachricht ist: Empathie ist eine Art Muskel der eigenen Vorstellungskraft und wie es für Muskeln typisch ist, lässt sie sich trainieren. Sie ist also kein fester Zustand, der sich nicht mehr steigern lässt, sondern eine Fähigkeit, die man mit genug Einsatz und Hingabe verbessern kann.

Aber wie kann so ein Training aussehen?

Auf den ersten Blick mag es wie ein schwieriges Unterfangen erscheinen, da es keine messbare Fähigkeit ist, wie zum Beispiel einen Ball möglichst weit zu werfen, ein Tor beim Fußball zu treffen oder schnell laufen zu können. Doch im Grunde ist es gar nicht so schwer, da man sich selbst nur oft genug in Situationen bringen muss, in denen man Gedanken zu Personen entwickeln kann. Der folgende Dreischritt wird das einmal exemplarisch zeigen.

Als Beispiel für den ersten Schritt dieses Trainings wurden zwei Bilder ausgesucht:

 

 

 

 

Um nun die eigenen Fähigkeiten zur Empathie zu trainieren, sollte man sich zuerst für eines der Bilder entscheiden. Dann stellt man sich, ebenso wie bei der Ausarbeitung und der Fortführung der Figuren, einige Fragen wie zum Beispiel:

Was ist das für ein Mensch?
Wie sieht der Mensch aus, welche Gefühle könnte die Person haben?
Warum hat sie die?

Was könnte sie in diesem Bild festgehaltenen Moment denken? 

Warum denkt sie das?

Wie würde es mir gehen, wenn ich diese Person wäre und was hätte meine Gefühle ausgelöst?

Ganz wichtig ist hierbei, dass man die Vermutungen so realistisch und logisch wie nur möglich hält. Es gibt hier zwar viel Spielraum, wie sich das Mädchen oder der Mann fühlen könnten, sogar noch mehr warum sie so empfinden und was in ihrem Innenleben geschieht, gleichermaßen sollte aber alles erklärbar sein. Nur so kann man trainieren, dass auch später die eigenen Figuren glaubwürdig sind. 

Irgendwann hat man dann eine ganze Reihe an Assoziationen, Gedanken/Ideen zu den einzelnen Bildern gehabt und die Situation ist ausreichend ergründet. 

Je nachdem wie flüssig und gut das lief, kann man sich entweder mehr solcher Bilder über die Google-Suche nehmen, um weiter im ersten Schritt zu üben, wie sich Menschen in einzelnen Situationen fühlen könnten, oder man nimmt die nächste Stufe — zwei Menschen in direkter Verbindung zueinander.

Auch hierfür gibt es ein Beispiel: 

 

Dieses Bild zeigt zwei Personen und aufgrund der Körperhaltung und des Gesichtsausdruckes der Frau, lassen sich einige Ideen spinnen, welches Verhältnis gerade zwischen ihr und dem Mann neben ihr herrscht. Generell nützliche Fragen, um das Verhältnis beziehungsweise die Situation zwischen zwei Menschen empathisch zu ergründen, sind unter anderem:

Wie fühlt sich die eine Person? Woran sieht man das?

Was könnte hier geschehen sein? 

Wie fühlt sich die andere Person?
Welche Gedanken könnten jedem von ihnen durch den Kopf gehen?

In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Warum? Woher kommt die Annahme?

Wo kommen sie her, wo gehen sie hin (auf der Beziehungsebene)?

Hat man diesen Schritt ebenfalls bewerkstelligt und sich an einem Bild wie dem der zwei Menschen auf der Bank — alternativ kann man sich natürlich auch andere Bilder nutzen und daran üben — versucht, folgt die dritte Stufe: echte Menschen.

Hierzu geht man offenes Auges durch die Welt, setzt sich vielleicht in ein Café, fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder sucht sich immer mal wieder auf dem Weg von oder zur Arbeit einige Menschen aus, betrachtet sie für einen kurzen Moment und versucht zu erahnen, wie sie sich gerade fühlen, was sie denken und was ihre aktuelle Gemütslage sein könnte.

Das ist keinesfalls einfach und wird auch nicht mit jedem Menschen gehen, aber je öfter man versucht, auch völlig fremde Menschen einzuschätzen und sich in sie hineinzuversetzen, umso besser bildet sich das eigene Empathie-Radar aus.

Ist das noch zu schwer, aber sich in leblose Bilder einzufühlen zu einfach, kann auch gerne an Freunden, Familienmitgliedern oder nahen Bekannten geübt werden. Wichtig ist nur, die eigene Beobachtungsgabe und die Empathie-Fähigkeit an echten Menschen zu schulen. Hierdurch kann man nicht nur einen besseren sozialen Umgang mit anderen Menschen pflegen, sondern trainiert gleichzeitig — und das ist das Großartige! — die Schreibfähigkeiten.

Hat man alle drei Schritte durchlaufen und kann einigermaßen begründet und sicher erklären, warum sich ein echter Mensch in welcher Situation wie fühlt, kann man dieses Wissen nutzen, um eigene Figuren zu erschaffen, die ebenso schlüssig und glaubwürdig handeln.

So wird es gelingen, eben nicht nur Abziehbilder oder platte Charaktere in seinen Geschichten zu haben, sondern Figuren, die sich wie reale Menschen anfühlen. Und genau das ist es, was LeserInnen an unseren Geschichten und Figuren lieben werden!

Nur wenn AutorInnen sich der Bedeutung von Empathie bewusst sind und sie häufig trainieren, wird es möglich sein, Figuren zu schaffen, die in den Herzen und Köpfen der LeserInnen einen Platz ergattern und noch lange nach dem Beenden des Buches ein Teil ihres Lebens sein werden. 

Wie ist es bei euch? Fällt es euch leicht, euch in andere Personen/Figuren hineinzuversetzen?

Wodurch werden Figuren für euch besonders lebensecht und toll?

P.s. Da die Worte Empathie und Sympathie manchmal durcheinander gewürfelt werden, folgt hier noch eine kurze Unterscheidung zwischen beiden:

Empathie vs. Sympathie

Die Wörter Empathie und Sympathie teilen sich die gleiche Endung, da sie beide aus der griechischen Silbe “path” hervorgehen, die so viel wie leiden oder fühlen bedeutet. Möglicherweise liegt hierin der Grund, warum es manchen Menschen schwer fällt, die beiden Worte zu unterscheiden und sie deswegen gerne als Synonyme benutzen. Dabei meinen beide Worte recht unterschiedliche Dinge, wie die folgende Erklärung zeigen wird:

“Sympathie” beschreibt den Zustand zwischen Menschen, wenn eine positive Grundeinstellung zueinander besteht. Wenn man also eine Person mag, sympathisiert man mit ihr, weil man beispielsweise gleiche Hobbys/Interessen/Ansichten hat. Gleichzeitig kann man sympathisch wirken, wenn man beispielsweise häufig lächelt, ein freundliches Auftreten besitzt, andere Menschen respektvoll behandelt oder gewisse Anstandsformen besitzt. In jedem Fall geht es sowohl beim Nomen “Sympathie” als auch dem dazugehörigen Adjektiv- und Verbablegern darum, dass man anderen Personen wohl gesonnen ist. 

Beim Wort “Empathie” hingegen spielt es keine Rolle, ob man eine Person mag oder nicht, da es nur darum geht, sich so neutral wie möglich in die Situation beziehungsweise das Leben einer Person und ihrer Ansichten hineinzuversetzen, um sich besser verstehen zu können. Wer empathisch handelt, stellt sich vor, warum eine Person wie in welcher Lebenslage reagiert. Die Frage nach dem Sinn und dem Ergründen der Umstände beziehungsweise Herkunft von Verhalten und Äußerungen stehen im Vordergrund, nicht aber die persönliche Beziehung zueinander.

Bildquellen: 

https://static.pexels.com/photos/33282/borderline-depression-psycholgie-personalities.jpg 

https://static.pexels.com/photos/240174/pexels-photo-240174.jpeg

https://www.pexels.com/de/foto/bank-liebe-menschen-frau-50592/  

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